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Kindesentwicklung: Zwei Systeme, um die Welt mit den Augen anderer zu sehen

Unter Vierjährige können uns das Verhalten anderer Menschen nicht erklären. Ein spezieller Hirnmechanismus erlaubt aber auch ihnen, sich in andere hineinzuversetzen.
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Wer mit Zwei- oder Dreijährigen redet, merkt schnell: Die Kleinen scheinen nicht zu durchschauen, warum ein anderer tut, was er tut. Zumindest können sie keine gute Erklärung dafür angeben. Erst mit etwa vier sind sie in der Lage, darüber zu reden, was ein anderer denkt, weiß oder vorhat. Die »Theory of Mind«, wie Psychologen diese Fähigkeit nennen, reift offenbar erst mit vier Jahren voll aus.

Ein ganz anderes Bild bot sich nun Wissenschaftlern um Charlotte Grosse Wiesmann vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, als sie ihre dreijährigen Probanden mit Augenbewegungssensoren ausstatteten. Sie zeigten ihnen einen Film, in dem eine Maus vor einer Katze in einer Box verschwindet und dann – als die Katze ihr den Rücken zukehrt – in eine benachbarte Box schlüpft. Überraschenderweise verrieten die Blicke der Kleinen, dass sie genau wie die Größeren von der Katze erwarteten, zur nun leeren Box zu laufen. Gefragt, wo die Katze nach der Maus suchen würde, tippten sie jedoch häufiger auf die falsche Box als auf die richtige.

In einem Fachbeitrag im Magazin »PNAS« erläutern die Wissenschaftler ihr Ergebnis und untermauern es mit Hirnscans an 38 ihrer 60 Probanden. Demnach nutzt das Gehirn zwei voneinander unabhängige Verarbeitungswege für die Theory of Mind, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten ausreifen.

Die explizite Theory of Mind erlaube es einem Menschen, seine Ansichten über die Gedanken eines anderen auch zu verbalisieren, schreiben die Hirnforscher. Wo sie entwickelt ist, können Kinder den Psychologen Antwort geben: »Die Katze sucht in der alten Box, weil sie nicht gesehen hat, dass die Maus zur anderen gelaufen ist.« Die Scanneraufnahmen offenbarten, dass diese Fähigkeit mit einem Dickenwachstum in den Hirnregionen temporoparietaler Übergang und Praecuneus einhergehen. Es ist dies die »klassische« Theory of Mind, von der in der Regel die Rede ist, wenn es darum geht, sich in andere hineinzuversetzen.

Die implizite Theory of Mind jedoch stehe Kindern bereits zu einem viel früheren Zeitpunkt zur Verfügung, schreiben Grosse Wiesmann und Kollegen. Sie hätten dann zwar Erwartungen über das Verhalten eines anderen, diese seien ihnen aber bewusst nicht zugänglich. Erst durch experimentelle Tricks wie den Augenbewegungsmessern werden sie sichtbar gemacht. Im Hirnscan der Leipziger Wissenschaftler ging diese Fähigkeit mit einer Ausreifung der Großhirnrinde im supramarginalen Gyrus einher.

»In den ersten drei Lebensjahren scheinen also Kinder noch nicht zu verstehen, was der andere denkt und dass das womöglich falsch ist«, sagt Grosse Wiesmanns Koautor Nikolaus Steinbeis vom University College London in einer Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts. »Es scheint einen Mechanismus in der frühen Kindheit zu geben, eine frühe Form der Perspektiveinnahme, bei dem man einfach den Blick des anderen übernimmt. In dieser Entwicklungsphase ist man schlicht darauf angewiesen, das zu übernehmen, was etwa die Eltern wissen und sehen.«

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