Gigantischer Erdrutsch: Zweithöchster Megatsunami erzeugte eine Dauer-Welle

Am frühen Morgen des 10. August 2025 löste sich an einer hohen Felswand in Alaska eine keilförmige, über 200 Meter dicke Gesteinsmasse und stürzte einen Kilometer in die Tiefe. Als die Schuttlawine in den Meeresarm darunter rauschte, türmte sie einen Megatsunami auf. Wie ein Team um Dan Shugar von der University of Calgary in einer Analyse des Ereignisses berichtet, walzten die Wassermassen Bäume an den Hängen des Tracy-Arm-Fjords bis in 481 Metern Höhe nieder. Es war der zweithöchste jemals dokumentierte Tsunami, übertroffen nur vom legendären, über 500 Meter hohen Tsunami in der Lituya Bay im Jahr 1958.
Im 85 Kilometer entfernten Nachbarfjord beobachtete die Besatzung eines Schiffs eine drei Meter hohe Welle – und alarmierte eine befreundete Seismologin. Die stellte fest, dass es sich um einen Erdrutsch gehandelt haben musste. Wie sich später zeigte, bewegte der Bergsturz mindestens 64 Millionen Kubikmeter Fels – genug, um die Insel Amrum drei Meter hoch zu bedecken. Doch mit dem Tsunami war es noch nicht vorbei. Im Fjord bildete sich eine stehende Welle, die über 36 Stunden lang hin und her schwappte und deren Signale die Fachleute in Aufzeichnungen von Satelliten der Surface Water Ocean Topography (SWOT)-Mission und Erdbebensensoren entdeckten.
Das Ereignis ähnelt damit einem anderen Megatsunami von September 2023, als ein Hangrutsch im grönländischen Dickson-Fjord eine rund 200 Meter hohe Welle erzeugte. Dabei bildete sich ebenfalls eine stehende Welle, die sich über ihre seismischen Schwingungen neun Tage lang nachweisen ließ. Damals gab es keine Zeugen, im Tracy-Arm-Fjord dagegen schon. Die Region ist ein beliebtes Ziel für Kreuzfahrtschiffe. Dass es keine Katastrophe gab, lag womöglich nur daran, dass der Bergsturz sehr früh am Morgen stattfand.
Wie im Dickson-Fjord entstand die stehende Welle nach dem Tsunami durch eine geografische Besonderheit, welche die Schwingung quasi einfing. Der Erdrutsch ereignete sich direkt am Ende des Fjords, an der Zunge des South-Sawyer-Gletschers, der in dem großen Gletschertal endet. Fünf Kilometer seewärts hat der Fjord einen s-förmigen Abschnitt. Computersimulationen des Teams um Shugar zeigen, dass durch dessen Geometrie die Energie der Welle an den Enden reflektiert wurde. Dadurch schwankte der Wasserspiegel dort noch acht Stunden nach dem Tsunami rhythmisch um rund 30 Zentimeter.
Der Bergsturz samt Tsunami macht Fachleuten Sorgen, denn immer mehr Touristen bereisen die Fjorde Alaskas und anderer polarer Regionen. Gleichzeitig werden solche Tsunamis durch den Klimawandel häufiger, wie das Beispiel des Sawyer Arm konkret zeigt. Der Gletscher hat sich seit der Jahrtausendwende um mehrere Kilometer zurückgezogen und stützte so nicht mehr die Felswände des steilen Tals, das er in die Küste hineingefräst hatte. Der Erdrutsch fand an einer Wand statt, von der sich das Eis gerade erst zurückgezogen hatte.
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