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Geschichten aus der Mathematik: Edward Frenkel und der mathematische Babelfisch

Edward Frenkel ist ein mathematisches Ausnahmetalent, doch seine Chancen in der Sowjetunion Mathematik zu studieren, stehen bei Null. Der Grund: seine jüdische Herkunft. Von einem Mann, der sich trotz systematischer Diskriminierung nicht aufhalten lässt und den »Babelfisch« der Mathematik sucht.
Zwei Sprechblasen auf einem dunklen Hintergrund: Die linke, pinke Sprechblase enthält ein unordentliches, verworrenes weißes Linienmuster, das in die rechte, blaue Sprechblase übergeht, wo es sich in geordnete, parallele Linien verwandelt. Darstellung von Kommunikation und Klarheit.

Es ist der 13. Juli 1984 in Moskau. Ein 16-jähriger Junge, Edward Frenkel, betritt die renommierte Lomonossow-Universität. Er ist ein mathematisches Ausnahmetalent, hat sich bestens auf die mündliche Aufnahmeprüfung vorbereitet. Doch seine Chancen stehen schlecht. Der Grund dafür ist seine jüdische Herkunft.

Im Gegensatz zu seinen Mitbewerbern wird Frenkel von den Prüfern in die Mangel genommen. Sie fragen nach Dingen, die man erst im Studium lernt – doch Frenkel kann die Aufgaben lösen. Die Prüfer lassen nicht locker, stellen weitere Aufgaben – eine schwerer als die andere. Vier quälende Stunden zieht sich das Kreuzverhör, bis Frenkel merkt, dass es zwecklos ist, und er die Bewerbung zurückzieht.

Offiziell ist in der Sowjetunion Antisemitismus verboten. Trotzdem gibt es staatlich gelenkte Diskriminierung und auch inoffiziell Quoten an den Universitäten. Der stalinistischen Propaganda nach waren jüdische Menschen dem Sowjetstaat illoyal gegenüber – auch unter Leonid Iljitsch Breschnew ist das ein zentrales Thema der sowjetischen Propaganda – weshalb es zahlreiche Berichte von Antisemitismus und institutioneller Diskriminierung gibt. Die Mathematik ist in der Sowjetunion zwar lange Zeit wohl die einzige Wissenschaft, die keine oder wenig politische Einflussnahme erfährt. Das ändert sich aber ab Ende der 1960er Jahre.

Das Langlands-Programm: Ein mathematischer Dolmetscher

Trotz der Steine, die man ihm in den Weg legt, wird Frenkel zu einem der bedeutenden Mathematiker unserer Zeit. Sein Forschungsgebiet ist das monumentale Langlands-Programm. Dieses Programm fungiert als eine Art »Babelfisch«, wie Manon Bischoff es im Podcast beschreibt, der zwischen völlig verschiedenen Welten übersetzt: zwischen der Zahlentheorie, Algebra und der Geometrie. Lange gilt das Langlands-Programm als »Endgegner« der Mathematik. Doch 2024 gibt es eine Sensation: Das geometrische Langlands-Programm – an dem Frenkel maßgeblich mitgewirkt hat – wird vollständig bewiesen. Ein fast 1000-seitiges Dokument zeigt nun, dass die Brücken zwischen Geometrie und anderen Bereichen tatsächlich existieren.

Manon Bischoff und Demian Nahuel Goos erzählen in dieser Folge von »Geschichten aus der Mathematik« von einem dunklen Kapitel der Wissenschaftsgeschichte, von Edward Frenkels beeindruckendem Weg nach einem traumatischen Aufnahmeverhör, von »Killer-Aufgaben« und der »großen Vereinigung der Mathematik« mit dem Langlands-Programm.

Hier geht’s zum Video-Podcast von Lex Friedman im Gespräch mit Edward Frenkel.

Die angesprochenen Buchtipps:

  • Love and Math: The Heart of Hidden Reality, Edward Frenkel, 2013, Basic Books.
  • You Failed Your Math Test, Comrade Einstein: Adventures And Misdventures of Young Mathematicians, Or Test Your Skills In Almost Recreational Mathematics, Michail Shifman, 2005, World Scientific Publishing.
»Geschichten aus der Mathematik« ist ein detektor.fm-Podcast in Kooperation mit Spektrum der Wissenschaft. Die Idee für diesen Podcast ist durch Demian Nahuel Goos am MIP.labor entstanden, der Ideenwerkstatt für Wissenschaftsjournalismus zu Mathematik, Informatik und Physik an der Freien Universität Berlin, ermöglicht durch die Klaus Tschira Stiftung.

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