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Evidenz-Update: Kommerz und Entkopplung – die Krise der akademischen Medizin

Medizinische Forschung und der Bedarf der Bevölkerung sollen sich wieder annähern – so die Forderung in einem kürzlich erschienenen Aufsatz. Ob das funktionieren kann, bespricht diese Podcast-Folge vom »Evidenz-Update«.
Um neue Medikamente zu entwickeln, sind viele Labortests notwendig

Obacht, liebe Nerds, heute wird es richtig nerdig. Wir beschäftigen uns mit dem Elfenbeinturm, mit dem »Fischkopf« des Gesundheitswesens: der Academia. Ja, das wird ein eher theoretisches Gespräch und nicht direkt einen Impact auf die every day practice haben. Aber wir meinen: Nachdenken müssen wir dennoch darüber. Es gibt auch gleich einen Spoiler samt Cliffhanger: Dieses Gespräch ist keine vollständige Epikrise, sondern nur eine erste Anamnese, ein erster Aufriss und der Auftakt für weitere Gedanken und Gespräche.

Unser Thema heute ist ein im BMJ veröffentlichter Aufsatz von Sonia Saxena, Miguel O’Ryan und Fran Baum. Darin attestieren die drei der akademischen Medizin eine tiefe Krise und fordern (natürlich) eine Revolution. Die drei sind Chairs der BMJ Commission on the Future of Academic Medicine, die hervorgegangen ist aus der International Campaign for Revitalising Academic Medicine (ICRAM), die 2003 von zahlreichen Partnern gegründet wurde.

Der Kern ihrer Kritik: Die Ausbildung ist zu teuer, die Forschung orientiert sich zu stark am Profit, ist gleichsam entkoppelt, es fehlt eine übergeordnete Agenda, die sich am Bedarf der Bevölkerung orientiert.

Hinzu kommen ausufernde Kosten bei gleichzeitig noch immer prekären akademischen Laufbahnen und glass ceilings. Und immer wieder das Humboldt’sche Prinzip aus Forschung, Lehre, Patientenversorgung, das heute eher nach Überforderung als nach Ideal klingt. Die akademische Medizin ist alles andere als das, was auch Virchow formuliert hat.

Die 5 Leitprinzipien (siehe unten) der BMJ-Gruppe übersetzen wir vereinfacht so: Wir brauchen einen Kompass – Patientenwohl, Planetary Health, Praxisrelevanz. Wenn das stimmt, sind wir auf dem richtigen Weg.

Doch bevor Euphorie aufkommt, erst einmal der Realitätscheck: Denn wie würden wohl Fakultätsvorstände reagieren, wenn man ihnen so ein Papier um die Ohren haut? Laut, empört und ungehalten. Niemand hört gern, dass er revolutioniert werden soll.

Das Paper ist zweifelsohne inspirierend. Aber zur Wahrheit gehört eben auch, dass es nach dem GOBSAT-Prinzip entstanden ist: Good Old Boys Sitting Around a Table. Ob eine repräsentative Bevölkerungsbefragung zu einem ähnlich kritischen Blick auf die universitäre Medizin käme, bezweifeln wir.

Trotzdem: Der Weckruf ist nötig. Die Autor:innen fordern keine Zerstörung, sondern eine radikale Neujustierung, eine Revolution im besten Sinne: raus aus der Überlastung, weg vom Kommerz, hin zur Relevanz. Immer wieder fragen: Was mache ich hier eigentlich für eine Forschung? Ist sie relevant für meine Patienten? Oder nur Brot-und-Butter, um den Laden am Laufen zu halten?

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