Forschungsquartett: Wie Hormone die Stimme steuern

Biologischer Taktgeber der Stimme
Stoffwechsel, Stress und Gefühle: Hormone steuern fast alles in unserem Körper – auch die Stimme. Doch wie genau beeinflussen Testosteron oder Östrogen die Schallwellen, die unseren Kehlkopf verlassen? Am Institut für germanistische Sprachwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena gehen Prof. Melanie Weirich und Prof. Adrian Simpson dieser Frage im Projekt »Hormone und Stimme« nach.
Morgens tief, abends hoch
Die biologischen Grundlagen sind dabei recht eindeutig: Ein hoher Testosteronspiegel, wie er im Stimmbruch auftritt, führt dazu, dass die Stimmlippen dicker werden. Diese schwingen langsamer, was zu einer tieferen Stimme führt. Doch die Forschung zeigt, dass diese Einflüsse auch im Alltag messbar sind. Bei Männern sinkt der Testosteronspiegel über den Tag hinweg ab, was dazu führt, dass sie morgens meist tiefer sprechen als am Nachmittag.
»Ein Sprecher mit einem höheren Testosteronwert hatte auch eine tiefere Grundfrequenz, aber das ist natürlich ein sehr schwacher Zusammenhang, der durch sehr viele Faktoren mitbeeinflusst wird und niemals als gegeben genommen werden sollte.«Prof. Dr. Melanie Weirich, Professur für Sprechwissenschaft und Phonetik an der FSU Jena
Neben der Biologie spielt nämlich auch das Verhalten eine entscheidende Rolle. Interessanterweise stellten die Forschenden fest, dass die Stimmen von Frauen zwischen 20 und 30 Jahren signifikant tiefer werden – eine Veränderung, die sich nicht allein durch Hormone erklären lässt und möglicherweise mit kulturellen Erwartungen zusammenhängt. So wird vermutet, dass diese Veränderung auch mit dem Verhalten zusammenhängen könnte.
»Provokant gesagt, kann es sein, dass ich mit 30 nicht mehr so attraktiv machen muss wie mit 22. Und daher kann ich meine Stimme dahin gehen lassen, wo sie natürlich sitzt. Aber ganz genau wissen wir das noch nicht.«Prof. Dr. Adrian P. Simpson, Professur für Sprechwissenschaft an der FSU Jena
Gesellschaftlicher Einfluss
Auch die Fremdwahrnehmung ist Teil der Jenaer Forschung. Während bei Männern eine tiefe Stimme oft pauschal mit Attraktivität und Kompetenz assoziiert wird, ist es bei Frauen anders: Eine höhere Stimme gilt als attraktiver, eine tiefere hingegen als kompetenter. Die Studie verdeutlicht, dass das Zusammenspiel von »Nature« (Biologie) und »Nurture« (Erziehung/Kultur) unsere akustische Identität formt.
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