Mathematische Knobelei: Akte Y - Der ungelöste Fall
"Ich will hoffen, dass dies nicht wieder einer Ihrer dubiosen Spezialfälle ist, Scolder", sagt die junge Frau zu ihrem Begleiter, während sie die Regentropfen von ihrem Mantel schüttelt. Ihr rotbraunes Haar ist ebenfalls naß geworden. Es hängt in Strähnen über das Gesicht, dessen Züge Gereiztheit verraten.
"Mir ist gar nicht klar, was Sie haben, Mully", erwidert der Angesprochene. "Bei diesem Fall handelt es sich eindeutig um eine Y-Akte. In dem Haus hier verschwinden seit Jahren ständig auf rätselhafte Weise Autoschlüssel. Selbst Direktor Skipper mußte das Schloß für seinen Luxusschlitten auswechseln lassen, nachdem er einmal an einer Tagung in diesem uralten Gemäuer teilgenommen hat."
"Scolder, das Haus ist aus Holz und keine zehn Jahre alt. Selbst meine europäische Kurzhaarkatze ist älter."
"Wir leben in Amerika, Mully. Hier altern die Dinge nunmal schneller als in Europa. Und außerdem hat Ihre Katze..."
Mitten im Satz verharrt Agent Scolder. Im Verlaufe seiner vielen Jahre beim FBI hatte er viel gesehen und sich an manchen Anblick gewöhnt. Doch was sich da im Schein seiner Taschenlampe knapp vor seinen Füßen erstreckt, lässt selbst ihm das Blut in den Adern erstarren. "Sehen Sie sich das an!" flüstert er. Sein knabenhaftes Gesicht drückt blankes Entsetzen aus.
"Der Fußboden ist abgesunken", stellt Mully fest. Als ehemalige Tierärztin behält sie auch in kritischen Situationen stets einen kühlen Kopf und eine mürrische Laune. "Um genau zehn Zentimeter. Und zwar so, dass die Vertiefung ein Achteck ergibt, das einem Kreis eingeschrieben ist. Allerdings sind die Seiten seltsam angeordnet. Vier der aufeinander folgenden Seiten sind jeweils drei Meter lang, die übrigen vier Seiten messen zwei Meter."
Mullys außergewöhnliche analytische Fähigkeiten übertreffen den unbeschwerten Verstand von Scolder um ein Vielfaches. Dafür vermag ihr Partner sich Dank seines unbedarften Gemüts in die Seelen der Täter einzufühlen und manchmal förmlich deren Gedanken zu lesen. Die beiden Agenten ergänzen sich gut. Nicht umsonst betraut Direktor Skipper sie immer wieder mit den rätselhaftesten Fällen - den Y-Akten.
"Das ist kein gewöhnliches Achteck", murmelt Scolder. "Wissen Sie, was das ist?" Furcht scheint aus seinen Augen zu blitzen, als er Mully ansieht. "Das ist die Vorbereitung zu einem alten Schwimmbecken-Ritus der südkalifornischen Buchtgucker-Sekte. Hier gehen schreckliche Dinge vor sich, Mully!"
Mit diesen Worten dreht er sich ruckartig auf dem Absatz um und schreitet schnell auf die Ausgangstür zu. Noch im Gehen zieht er sein Handy aus der Jackentasche. Mully eilt ihm nach.
"Was ist los? Warum diese plötzliche Hektik?"
"Wir müssen sofort was unternehmen. Es geht hier um Sekunden... Mist, mein Handy funktioniert nicht."
"Es wird naß geworden sein bei dem Regen. Hier nehmen Sie meines. Und dann erklären Sie mir, was hier abläuft!"
"Später, Mully. Zuerst müssen wir... - Ja, hallo! Ist dort das örtliche Wasserwerk? ... Hier spricht Agent Scolder. Wir brauchen sofort geweihtes Schwimmbadwasser! ... Ja, ich weiß, dass das teuer ist. Aber es ist wirklich dringend. Es handelt sich um einen Notfall... Wieviel wir brauchen? Einen kleinen Moment, bitte. - Mully, wieviel Liter faßt dieses Achteck genau?"
Wenige Stunden später hat sich das Unwetter gelegt. Die Sonne ist über den Horizont geklettert und schaut auf eine friedliche Landschaft. Ein paar Vögel singen, in der Ferne bellt ein Hund. Scolder und Mully stehen wieder vor dem Achteck im Boden der Villa. Doch diesmal ist die Mulde mit Wasser gefüllt. Leise kräuselt sich die Oberfläche.
"Nun verraten Sie mir endlich, was das für ein Ritus ist, Scolder."
"Es handelt sich um eine sehr alte Geheimzeremonie des Buchtgucker-Ordens. Glauben Sie mir: Alle Autoschlüssel im Umkreis von 50 Meilen waren in Gefahr. Nur geweihtes Schwimmbadwasser kann den schwarzen Zauber unterbrechen. Aber etwas fehlt noch. Wir müssen eines noch tun, damit der Gegenhokuspokus wirksam ist."
"Und das wäre?"
"Wir müssen ein Menschenopfer bringen, Mully. Nur so lassen sich die Autoschlüssel endgültig retten."
"Ein Menschenopfer? Aber heute ist Sonntag, die Läden haben geschlossen. Wo sollen wir um diese Zeit ein Menschenopfer herbekommen, Scolder? - Scolder? Nicht doch! Scolder..."
Ganz ohne Badewasser und Opfer kommt die mathematische Knobelei aus. Die Frage lautet: Welches Volumen hatte das Achteck im Fußboden?
Die Fläche des Achtecks A8 ergibt sich dann aus den Flächen des Vierecks A4 und der vier abgeschnittenen Ecken A3.
= (Sqrt(2) * a + b)2 - a2
= a2 + 2* Sqrt(2) * a * b + b2
= 2,997 m3

Das mathematische Problem stammt von Univ.-Prof. Dr. Gerd Baron und Dr. Richard F. Mischak. Weitere Aufgaben finden Sie auf den Seiten des Wettbewerbs Jagd auf Zahlen und Figuren. Die erzählerische "Verpackung" gestaltete Dr. Olaf Fritsche.
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