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Yes, Prime Minister

Treitz-Rätsel

Der König Arthur der Letzte möchte seinen Lordkanzler absetzen, will das aber aus persönlicher Rücksicht nicht so knallhart als seinen Willen kundtun. So sagt er vor versammeltem Hofstaat zu ihm: "Lieber Lordkanzler, Ihr wisst, dass ich auf Euch nicht verzichten möchte, aber es gibt wichtige außenpolitische Gründe gegen Euch. Ich möchte es daher von einem Gottesurteil abhängig machen. In diesem Hut sind zwei Zettel, auf dem einem steht BLEIBEN, auf dem anderen GEHEN. Bitte zieht Euer Los".

Nun ist der Lordkanzler nicht blöde, und er kennt seinen König und dessen Heuchelei ziemlich gut. Was soll er tun?

Zum Glück spielt die Szene neben einem Kamin.

Er nimmt ein Los aus dem Hut und lässt es ungelesen in das Kaminfeuer fallen, das zum Glück nahe neben ihm brennt. "Majestät, ich bin zutiefst bestürzt über meine unverzeihliche Ungeschicklichkeit! Wir müssen nun leider das Gegenteil von dem tun, was auf dem anderen Los steht."

Der König braucht nun nicht einmal gegenüber dem Lordkanzler explizit zuzugeben, dass er versucht hatte, ihn mit zwei gleichen Losen (GEHEN) hereinzulegen. Er ist zwar ausgetrickst, kann aber sein Gesicht wahren. Und dann muss er sich etwas Neues ausdenken, um den Kanzler loszuwerden.

In vielen Rätselbüchern frisst der Kanzler das Los einfach auf, weil kein Kamin in der Nähe ist. Er steht dann aber vor dem Problem, dieses Verhalten zu begründen, ohne seinen ziemlich schwer wiegenden Verdacht zu äußern. Der König kann ihm sonst nicht ganz zu Unrecht mangelndes Vertrauen vorwerfen. Wenn der Kanzler andererseits beide Lose öffnet und bekannt gibt, steht er zwar gut da, aber das kann er sich nur leisten, wenn er genug Verbündete hat, um den König seinerseits sofort erfolgreich abzusetzen, denn ein offener Machtkampf ist dann unvermeidlich.

Was wäre eigentlich, wenn der König noch eine Gehirnwindung schlauer wäre als der Kanzler (oder als der Kanzler vermutet)?

Nun, dann geht die Geschichte so:

Wie Arthur den Kanzler überlistet

Der König tut zwei Lose "BLEIBEN" in den Hut und veranstaltet das Ganze in Reichweite des Kamins. Er kann sich dann königlich amüsieren, wenn der Kanzler sich selbst austrickst, und ihm sogar (später und nicht öffentlich) die Wahrheit sagen, um ihn noch mehr zu ärgern.

Sollte der Kanzler seinem König auch noch diese Gemeinheit zutrauen, muss er auf seinen Trick verzichten, aber vielleicht hat der König auch noch um diese Ecke gedacht: Wenn beide hinreichend gerissen sind, kommen sie in das Dilemma wie zwei Leute, die sich auf einem Gang ausweichen wollen und erst beide zur gleichen Seite wechseln, dann beide zur anderen und immer so weiter. Wenn sie genau gleich schnell denken, kommen sie nie aus diesem Takt.

Edgar Allan Poe beschreibt (in der Einleitung zu "The purloined letter") ein solches Dilemma mit dem Knobelspiel "In welcher Hand habe ich den Stein?": Wird man beim zweiten Mal dieselbe Hand nehmen oder die andere? Was vermutet der andere, um wieviel Ecken berechnet er meine Überlegungen dabei? Zwei gleich intelligente Menschen kommen dann zum Schluss, dass sie doch würfeln müssen. Der Meisterdetektiv Dupin (bei Poe) denkt aber im Gegensatz zum "geradlinigen" Polizeipräfekten (den Poe gehörig verspottet) um genau so viele Ecken wie der Übeltäter, der den Brief versteckt hat, mit doppeltem Boden, aber nicht aus Holz (jetzt habe ich fast schon zu viel verraten: Poe lesen!).

Die Frage, um wie viele Ecken die Menschen denken, ist übrigens Gegenstand der experimentellen Wirtschaftsforschung. Ein prominenter Vertreter dieser Disziplin, Reinhard Selten (Wirtschaftsnobelpreis 1994), hat mit den Lesern von "Spektrum der Wissenschaft" ein entsprechendes Experiment veranstaltet.

Was macht der Kanzler nun, wenn er den König als intellektuell ebenbürtig einschätzt (laut Beinamen waren Könige gelegentlich kahl, fromm, kühn oder einfältig, aber nie schlau oder gerissen und nur selten weise)? Ich würde ihm raten, ein Los ganz schnell zu lesen und dann mit oder ohne Kaminfeuer weiter zu machen. Wenn das nicht geht, muss er sich entweder fügen oder die offene Konfrontation suchen, indem er beide Lose öffnet und laut vorliest.

Aber auch das könnte schiefgehen: Der König könnte so hinterhältig sein, wirklich zwei verschiedene Lose anzufertigen, sozusagen ein echtes fair play zu veranstalten, das erst um zwei Ecken herum als unfair zu erkennen ist.

Ein alter Witz treibt das noch eine Windung weiter: Wohin fährst du? – Nach Lemberg. – Du lügst doch wie immer. Du sagst Lemberg, damit ich glauben soll, dass du nicht nach Lemberg fährst. Zufällig weiß ich aber, dass du wirklich nach Lemberg fährst, warum lügst du also?

Wie auch immer: Der Kanzler hat’s nicht leicht. Aber er kann sich trösten mit dem Wort eines späteren Kanzlers (diesseits der Nordsee, zur Jahrtausendwende, ohne einen Arthur über sich): Wenn es einfach wäre, dann könnten das ja auch andere machen, dann bräuchten wir das ja nicht selbst zu machen.

Der Titel "Yes Prime Minister" spielt auf eine (sehr!) englische Fernsehserie an, in der ein gutwilliger Minister, der auch noch Prime Minister wird, pausenlos von seinem Staatssekretär ausgetrickst wird, dem es egal ist, wer von den vielen Ministern "unter ihm" im Amt ist und was die so vorhaben.

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