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Mathematische Knobelei: Eine faire Runde?

Der Skandal hatte zu viel Staub aufgewirbelt, als dass man ihn einfach unter den Teppich hätte kehren können. Die Öffentlichkeit, die Medien, sogar die Aktiven - sie wollen Reformen. Neue Regeln, die für saubere und vor allem faire Wettbewerbe sorgen. Das wirft die Frage auf, ob es in Zeiten des Nanodopings überhaupt noch so etwas wie Chancengleichheit geben kann.
Pressemitteilung der Abteilung für kollektive Transparenz, AKT

Mit der demnächst beginnenden Saison werde Amoklauf zur saubersten Disziplin des sportlichen Kanons, erklärt Dr. Emil Istigkeit, der Vorsitzende der Internationalen Irrationalen Institution, I³, auf einer Informationsveranstaltung am Rande der 13. multimedialen Teletubbispiele in Middlesix, Ohio. "Wir haben Vorkehrungen getroffen, die sicherstellen, dass gewährleistet ist, was selbstverständlich und unter allen Umständen sei", sagte er wörtlich. "Darauf können sich die Zuschauer ebenso veranlassen wie die aktiven Passiva."

Dr. E. Istigkeit präsentierte den anwesenden Vertretern von Politik, Film und Fernsehen eine Reihe von Reformvorschlägen, die Vertreter der örtlichen Universität während eines mehrwöchigen Umtrunks des Fachbereichs Knobelistik erarbeitet hatten und welche die I³ umgehend in ihr Regelwerk übernehmen will. Danach ist es beim sportlichen Amoklauf mit sofortiger Geltung verboten, den Teilnehmer der eigenen Mannschaft die Schnürsenkel zusammenzubinden, die Frösche des gegnerischen Teams mit Trenchcoat, Humphrey-Bogart-Hut und Mikrofon zu verunzieren sowie einhändig rückwärts pfeifende Papageien als Stadionsprecher einzuschmuggeln. Weiterhin zulässig sind hingegen der Einsatz von Karamellbonbons mit Biodieselaroma, selbstfaltende Mahnbescheide und das Einbetonieren unbeteiligter Passanten bis auf Kniehöhe.

Als Sportart, die sich vor allem zu Semesterbeginn bei studentischen Verbindungen überaus großer Beliebtheit erfreue, so Dr. E. Istigkeit, trage Amoklauf in nicht zu unterschätzender Weise zur Orientierung ahnungsloser Erstsemester bei. "Die jungen Menschen, um das einmal in aller und entschieden auf den Punkt, hätten vor allem, wenn nicht sogar", betonte er in seiner Ansprache. Und Rupert Üpel, Querkus der Studentenvereinigung ΘΨΣΦΩΞ€:-) von der University of Middlesix in Ohio, fügte hinzu: "Das werden wir!"

In den vergangenen Jahren war Amoklauf in der Presse vermehrt mit negativen Schlagzeilen vertreten, weil auf den offiziellen Laufbahnen die Strecken der einzelnen Mannschaften wegen der Kurven unterschiedlich lang waren. Lösungen, wie sie sich in weit weniger dynamischen Sportarten bewährt haben, darunter die Kurvenvorgaben bei der Leichtathletik und beim Eisschnelllauf, konnten nicht auf Amoklauf übertragen werden, da die Kontrahenten sich aufgrund der großen Distanz dann nicht riechen konnten und somit die olfaktorische Komponente des Sports nicht ausreichend zur Geltung kam.

Im Verein mit R. Üpel demonstrierte Dr. E. Istigkeit den Anwesenden den nun strafrechtlich verbindlichen neuen Parcours für Amoklauf. Er führt an den Rändern von sieben gleich großen Kreisen entlang, die in Art der beigefügten Abbildung angeordnet sind. Da die Anzahl von Links- und Rechtskurven identisch sei und diese einander abwechseln, so erläuterte R. Üpel, der Ende des Jahres seinen Abschluss in experimenteller Bauklotzstatik zu machen hofft, seien die Laufstrecke auf der Innen- und der Außenbahn exakt gleich lang.
Amoklauf
Als Zeichen seines Vertrauens in die Fähigkeiten des Planungsteams zeichnete Dr. E. Istigkeit spontan für die gesamte Saison hohe Wetteinsätze auf jede Mannschaft, die am Start auf der Außenbahn postiert sein wird. Die Höhe seines Einsatzes in Euro entsprach dabei für jedes Einzelrennen genau der Länge der Markierung zwischen den beiden Bahnen, die jeweils 50 Meter von den Kreismittelpunkten entfernt verläuft, in Metern. "Fairness und Sportlichkeit gehören unter den moralischen Gütern einer Welt, deren Jugend beim Streben nach höherer Erkenntnis im Angesicht des schnöden Mammons", verkündete er am Tresen des Buchmachers.

Wie viel riskiert der I³-Vorsitzende bei jedem Amoklauf in gerundeten Eurobeträgen?
Ob Amoklauf wohl je olympisch wird? Zumindest wissen wir nun schon einmal, wie lang die Distanzen sind, welche die Sportler zu überwinden haben.
Schauen wir uns die Strecke des Amoklaufs einmal genau an: Die sechs äußeren Kreise berühren sich jeweils an zwei Stellen. Zwischen diesen Berührpunkten verläuft die Strecke des Amoklaufs, mal auf dem kurzen Kreisbogen mal auf dem langen - immer schön abwechselnd. Da sich jeweils ein kurzer und ein langer Kreisbogen genau zu einem Vollkreis ergänzen und jeweils drei dieser beiden Kreisbögen zur Strecke gehören, entspricht die Länge der Gesamtstrecke also dreimal dem Umfang eines Vollkreises mit dem Radius 50 Meter. Die Gesamtstrecke des Amoklaufs ist also:

3·2·π·50 = 942,48

942,48 Meter müssen also die Kontrahenten bewältigen und Dr. E. Istigkeit muss demzufolge ganze 942,48 Euro Preisgeld pro Lauf berappen. Nicht wenig, wo doch eigentlich der "schnöde" Mammon gerade nicht im Vordergrund stehen sollte.
01.07.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 01.07.2006

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