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Noch ein literarisches Rätsel

Treitz-Rätsel

Darum erscheinen mir die, die meinten, Urstoff der Dinge sei das Feuer und allein aus Feuer bestehe das Weltall, weit von dem wahren Gedanken ab ins Falsche geglitten. Heraklit als ihr Führer eröffnet als erster den Kampf hier, wegen der dunkelen Zunge berühmt mehr unter den hohlen als den ernsten der Griechen, die nach dem Wahren auf Suche; lieben doch alles die Dummköpfe mehr und bewundern es stärker, was zu erblicken sie glauben versteckt in verschrobenen Worten, stellen als wahr hin das, was hübsch zu kitzeln imstand ist unsere Ohren und was übertüncht ist mit lockendem Klange.

(im Original nicht deutsch)

Der Autor hat es vor 2000 Jahren in lateinischen Hexametern in einem zu Recht hochberühmten Lehrgedicht geschrieben.

Es handelt sich um die Übersetzung der Zeilen 635–644 aus dem Buch I des Lehrgedichtes "De Rerum Natura" von Titus Lucretius Carus. Lukrez (wie sein Name üblicherweise verstümmelt wird) entwirft in diesem Gedicht ein atomistisches Weltbild in der Tradition von Leukippos, Demokritos und Epikouros.

In den zitierten Zeilen macht er sich über etwas lustig, was wir heute als typisch deutsch und wenig angelsächsisch empfinden, nämlich die Verwechslung von Unklarheit mit Tiefsinn. Das gab es in der Antike auch schon, und vielleicht war Herakleitos ein Vorläufer von Heidegger? Natürlich war auch Lukrez nicht frei von Überheblichkeit und Dogmatismus, aber das Programm war naturwisenschaftlich orientiert und anti-mythologisch.

Es wäre ein Kurzschluss zu glauben, dass das Tunnel-Mikroskop, mit dem wir einzelne Atome zählen können, der von Lukrez behaupteten Atomtheorie Recht gäbe und den von ihm kritisierten Philosophen Unrecht: Die heute sichtbaren Atome sind im Sinne der von Demokrit aufgeworfenen (und von ihm sehr selbstkritisch durchdachten) Fragestellung keine unteilbaren Urbausteine, ebenso wenig wie Gehirnzellen oder Lego-Klötze. Die Quantentheorie und die gegenwärtige Hochenergiephysik finden ganzzahlige Strukturen und Erhaltungseigenschaften messbarer Größen (elektrische Ladung, Baryonenzahl usw.), aber keine unwandelbaren kleinsten Bausteine. Selbst ein so stabiles Teilchen wie das Elektron wird beim Zusammentreffen mit einem Positron in etwas anderes verwandelt, nämlich zwei Photonen, aber alle Bilanzen stimmen. Die modernen Antworten der Physik stehen also quer zur antiken Frage.

Trotzdem scheint es mir erlaubt zu sein, die antiken Atomtheoretiker als ziemlich moderne Denker anzusehen.

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