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Piraten

Totenkopfflagge: weißer Schädel mit darunter gekreuzten Beinknochen auf schwarzem Grund

Fünf Piraten Alpha, Beta, Gamma, Delta und Epsilon haben zwölf Goldstücke erbeutet. Sie vereinbaren, das Gold nach folgenden Regeln aufzuteilen: Der erste Pirat in alphabetischer Reihenfolge soll einen Vorschlag machen, wie die Beute geteilt werden soll. Er braucht mindestens 50 Prozent Zustimmung, sonst wird er über Bord geworfen, und der nächste Pirat kann seinen Vorschlag unterbreiten.

Alpha sagt: 10 für mich und je eins für Gamma und für Epsilon.

Wird dieser Vorschlag angenommen?

Rollen wir es von hinten auf: Wenn nur noch Delta und Epsilon im Spiel sein sollten, wird sich Delta alle 12 Goldstücke krallen, und Epsilon ist machtlos.

Damit es überhaupt nicht zu dieser Situation kommt, darf Epsilon also nicht gegen Gamma stimmen – auch wenn dieser ihm nur ein Goldstück anbietet und 11 für sich beansprucht.

Vorher wäre aber Beta an der Reihe und wird Delta ein Goldstück anbieten. Gamma und Epsilon sind dagegen machtlos, und Delta weiß ja, dass er von Gamma nichts zu erwarten hat.

Ganz am Anfang macht aber Alpha seinen Vorschlag: 10 für mich und je 1 für Gamma und Epsilon. Wir wissen nun, warum diese beiden sich damit abspeisen lassen.

Die Lösung dieses Rätsels stößt – jedenfalls in meinem Bekanntenkreis, was vielleicht für diesen und damit indirekt auch für mich spricht – auf moralische Hemmschwellen, die die klare logische Lösung verstellen können.

Durch ältere Kriminalfilme und folkloristische Unheiligen-Legenden erwartet man selbst von Seeräubern so etwas wie eine Ganovenehre, derzufolge Raubmörder untereinander und mit ihren Hehlern fair teilen, was sie den Ermordeten weggenommen haben. In der Grundschule erfuhren wir von einem Seeräuber, dessen Bande sich "Likedeeler" ("Gleichverteiler", klingt das nicht sehr sozial?) nannte und nach dem heute allen Ernstes eine Touristenstraße in Norddeutschland benannt ist (sein Familienname Störtebeker bezog sich lediglich auf tempobetonte Trinksitten von einem seiner Vorfahren). Auch andere Raubmörder wie Robin Hood und Schinderhannes wurden und werden immer noch zu Vorläufern von Sozialreformern hochstilisiert, weil sie viele arme Leute zu Komplizen machten.

Es gibt in Verbindung mit der Spieltheorie einen psychologischen Test über die folgende Situation: Jemand bietet Ihnen 10 Euro, wenn Sie eine Fundunterschlagung von 1 Million nicht bei einer feindlichen Besatzungsmacht anzeigen. Rational sollten Sie zustimmen, aber Sie können auch das Angebot so unverschämt finden, dass Sie sich das Scheitern des Ganzen die 10 Euro kosten lassen.

Tatsächlich gibt es politische Argumentationen, die Wähler der linken Mitte würden sich ins eigene Fleisch schneiden, wenn sie aus Neid weniger Steuernachlässe für die Reichen gut finden. Abgesehen von der Frage, ob das überhaupt stimmt, bleibt möglicherweise eine Entscheidung zwischen Eigennutz und Selbstachtung übrig. Die Seeräuber aus unserem Rätsel sind aber frei von solchem Neid und nehmen, was sie kriegen können.

Nach diesen düsteren Überlegungen stellt sich die Frage, warum unsere Gesellschaft überhaupt Motive wie Fairness oder Nächstenliebe hervorgebracht hat. Nächstenliebe im wörtlichen Sinn (die Förderung der Träger der eigenen Gene), ist das vielleicht wichtigste Gesetz der Biologie. Was ethisch hinzukommt und auch im Neuen Testament gefordert wird, ist die Ausdehnung dieser Solidarität über die nähere Verwandtschaft hinaus.

Der Samariter aus dem Gleichnis hat sich eben nicht um seinen Nächsten, sondern um einen für ihn Fremden gekümmert, und er war nicht vom Roten Kreuz, sondern ein unerwünschter Gastarbeiter. Dass Wohltäter und medizinische Hilfeleister heute "Samariter" genannt werden, hat also mit dieser rhetorischen Spitze zu tun, mit der Jesus die selbstgefälligen und fremdenfeindlichen Rechtgläubigen ärgern wollte. Dass wir heute Fernstenliebe, Respekt vor dem Leben und Schonung schmerzempfindlicher Tiere fordern, hat viel damit zu tun, dass wir mehr wissen und weniger zu entbehren haben als unsere Vorfahren.

Aber auch der "reziproke Altruismus", also die egoistische Hilfe auf mögliche Gegenseitigkeit, ist nicht zu verachten. Nach einer (christlichen?) Legende gibt es in der Hölle jede Menge leckeres Essen, aber lange Löffel, die an den Unterarmen so festgebunden sind, dass man sie nicht zum Mund führen kann. Das führt zu einer speziellen Sorte von Höllenqualen, wie auch in der Antike bei Tantalos. Im Himmel ist es genau so, aber dort sind die Leute so schlau (oder gütig?), sich gegenseitig zu füttern.

Können unsere Seeräuber Beta bis Epsilon sich nicht gemeinsam gegen Alpha verbünden, ihn ins Wasser werfen und die Goldstücke unter sich aufteilen: drei für jeden? Beta käme dann an die Reihe, aber niemand könnte ihn zwingen, sich später noch daran zu erinnern, und weil Gamma und Epsilon das wissen, kommt es gar nicht erst so weit.

Das Leben als Seeräuber ist schon hart!

Übrigens werden die wildesten Seeräuber zu den selbstlosesten Altruisten, wenn es nicht genug Goldstücke zu verteilen gibt. "Selig sind die Sanftmütigen", denn sie werden nicht über Bord geworfen.

Man behauptet manchmal, auch Politiker könnten sich nach einer Wahl nicht mehr an das erinnern, was sie vorher versprochen haben, aber hier könnte ganz einfach das Gedächtnis der Wähler (oder ein Videorecorder) helfen. Entscheidend ist nicht, ob eine Regierung durch freie Wahlen entstanden ist (wie es im Januar 1933 bei Hitler der Fall war), sondern ob sie unblutig abgelöst werden kann, also Wahlen vor sich hat, wie es bei Modrow war, der zwischen dem letzten undemokratischen und dem ersten demokratischen Machtwechsel in der DDR das Sagen hatte.

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