Wer war’s?: Mr. Radialgeschwindigkeit

An Nachrufen auf ihn mangelt es nicht. »Seine Leistungen, jedem Astronomiestudenten bekannt, werden für kommende Generationen zu einem Denkmal werden. Er war, allem voran, ein Mann im wahrsten Sinne des Wortes und dann ein Astrophysiker«, schreibt ein Kollege. Und ein anderer lobt: »Namentlich ermöglichte ihm die Einführung der spektrografischen Methode eine Entdeckung von großer Tragweite: die Feststellung der Doppelsternnatur von Algol und einiger anderer Sterne.«
Tatsächlich ist der Gesuchte seinerzeit eine echte Koryphäe, Gründungsdirektor eines der damals weltweit führenden astrophysikalischen Institute, Geheimer Oberregierungsrat, Professor und Mitglied von rund einem Dutzend Wissenschaftsvereinigungen, ausgezeichnet mit einer Goldmedaille der Royal Astronomical Society und Träger der renommierten Bruce Medal.
In der Laudatio für letztere heißt es fast richtig, er sei in »Leipsic« geboren. Tatsächlich ist sein Vater dort Schulleiter, ein weithin bekannter Pädagoge und Bildungsorganisator. Das Lehren hat der Gesuchte im Blut: Als der Vater stirbt, finanziert er mit Nachhilfe und Fotografiekursen sein Studium, bis ihm sein deutlich älterer Bruder, ebenfalls an Astronomie interessiert, einen Job an der Sternwarte in Leipzig verschafft.
Vorträge für die Allgemeinheit hält der Gesuchte auch später gerne, über das Sonnensystem zum Beispiel. Und er motiviert seine Zuhörer zum Mitmachen: »Höchst interessant erscheint durchs Fernrohr gesehen die Oberfläche des Mondes, deren gelegentliche Beobachtung wir jedem dringend empfehlen möchten.« Der Mond ist auch deswegen so spannend, weil er »eine traurige Perspective für das endliche Schicksal aller Planeten, also auch unserer Erde« biete: Die einstige Mondatmosphäre sei aufgrund der Abkühlung des Mondes in den Boden eingezogen. »In Folge davon aber muß auch alle Vegetation, die einst vorhanden war, erstorben sein, und das sonst flüssige Wasser sich in Schnee und Eis verwandelt haben. Und das ist das Los, dem auch die Erde, wenn auch in zur Zeit unabsehbarer Ferne, rettungslos entgegengeht – Verödung und Vereisung!«
Bei der Sonne wird der Gelehrte dann auch noch poetisch: »Als ein Gestirn von kolossalen Dimensionen, alle übrigen Körper des Planetensystems zusammengenommen an Größe weit überragend, glüht und leuchtet die Sonne am Tageshimmel, den größten wie den kleinsten Planeten ihre Bahn vorschreibend und allen, wenn auch nicht überall in gleicher Weise, die Segnungen des Lichts und der Wärme spendend – das Herz des Universums. … In Folge ihres glühenden Zustandes aber ist die Sonne in fortwährender Gährung begriffen, so daß fast zu allen Zeiten Eruptionen glühenden Wasserstoffgases bald mehr, bald minder gewaltig stattfinden.« Woher er so viel über die Sonne weiß? Ganz einfach: durch »Spectralanalyse«.
Damit ist er bei seinem Leib- und Magenthema angekommen, denn schon als relativ junger Wissenschaftler weist er mithilfe der Spektren – genauer gesagt, des optischen Dopplereffekts – nach, wie schnell die Sonne rotiert. Später misst er mit derselben Idee, die ursprünglich von William Huggins stammt, die Radialgeschwindigkeit von mehr als 51 Sternen. Dass Algol ein Doppelstern ist, kann er damit nebenbei auch nachweisen, und zugleich liefert er die erste Abschätzung der Masse eines Körpers außerhalb des Sonnensystems.
Er wird damit zu einem Pionier der spektroskopischen Radialgeschwindigkeitsmessung und international ziemlich bekannt. Außerdem katalogisiert er Spektren bis hinunter zu einer Helligkeit von 7,5 Magnituden und erweitert das System zur Sternklassifizierung von Pater Angelo Secchi zu einem (allerdings sehr einfach gehaltenen) Vorläufer des Hertzsprung-Russell-Diagramms.
Er hätte sicher noch weitergemacht, wenn ihm nicht seine Gesundheit einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Beerdigt ist er auf dem Telegrafenberg in Potsdam, direkt neben seinem Observatorium.
Es war Hermann Carl Vogel (geboren am 3. April 1842 in Leipzig, gestorben am 13. August 1907 in Potsdam). Vogels Vater war ein seinerzeit namhafter Pädagoge, der eine neue Methode zum Leseunterricht entwickelte und die Schulen in Leipzig neu strukturierte. Zu seinen Söhnen gehörte auch Hermann Carl Vogels 13 Jahre älterer Bruder Eduard, der später als Afrikaforscher berühmt werden sollte und ebenfalls als Astronom tätig war.
Im Jahr 1860 nahm Vogel eine Ausbildung am Dresdner Polytechnikum auf, doch zwei Jahre später starb sein Vater, und Vogel musste sich mit Jobs seine weitere Ausbildung selbst finanzieren. Immerhin konnte er nun seinen eigenen Interessen nachgehen und begann daher im Jahr 1863 ein Studium an der Universität Leipzig, das er vier Jahre später abschloss. Schon während dieses Studiums arbeitete er als Assistent an der Leipziger Sternwarte.
Ab dem Jahr 1869 widmete er sich der Spektroskopie und assistierte Karl Friedrich Zöllner, der sich auf dem Gebiet der Fotometrie einen Namen gemacht hatte und drei Jahre zuvor zum außerordentlichen Professor an der Universität Leipzig ernannt worden war, bei der Untersuchung von Protuberanzen. 1870 wurde Vogel mit einer Arbeit über »Beobachtungen von Nebelflecken und Sternhaufen, deren Declinationen zwischen 9° 30' und 15° 30' gelegen sind« in Jena zum Dr. phil. promoviert.
Im selben Jahr wurde Vogel Direktor einer privaten Sternwarte bei Kiel, die im Jahr davor von Kammerherrn Friedrich Gustav von Bülow auf dessen Gut Bothkamp gegründet worden war. Vogel baute zusammen mit seinem Assistenten Wilhelm Oswald Lohse die Sternwarte auf und aus und widmete sich hier der Sonnenfotografie und der Spektroskopie; er begann, praktisch alles, was am Himmel leuchtet, spektroskopisch zu untersuchen. In dieser Zeit wies er unter anderem eine Verschiebung der Sonnenspektren nach, die auf die Rotation der Sonne zurückzuführen ist. Nach vier Jahren Arbeit in Bothkamp fasste er einen Teil der Arbeit im Werk »Spectra der Planeten« zusammen, wofür er einen Preis der dänischen Akademie der Wissenschaften erhielt. Vogel schuf in dieser Zeit auch seine erste Klassifikation von Sternen auf Basis ihrer Spektren, einen Vorläufer des Hertzsprung-Russell-Diagramms; sein einfaches Klassifikationssystem überarbeitete er noch einmal im Jahr 1895. Im Juni 1874 wurde er zunächst provisorischer Leiter eines neu zu errichtenden astrophysikalischen Observatoriums in Potsdam. Um sich über moderne Sternwarten zu informieren, reiste er im folgenden Jahr durch England, Schottland und Irland, worüber er einen ausführlichen Bericht erstellte. Nach der Eröffnung der Sternwarte Potsdam arbeitete er dort erst ab dem Jahr 1879 als Titularprofessor, ab 1882 wirkte er dann als der erste Direktor des Observatoriums.
Vogel wurde bekannt dafür, mithilfe der Rotverschiebung in Sternspektren und Fotografie die Radialgeschwindigkeit der Sterne abzuschätzen. Erste Versuche dazu unternahm er bereits in Bothkamp, aber erst in Potsdam verfügte er über Instrumente mit der ausreichenden Genauigkeit, und so begann er 1887 mit systematischen Messungen. Im Jahr 1892 publizierte er einen Katalog der Radialgeschwindigkeiten von 51 Sternen. Die Messungen führen als Bonus nebenbei auch zur Entdeckung von einigen Doppelsternsystemen, darunter Algol (Beta Persei) und Spica (Alpha Virginis).
Bestens auch international vernetzt, baute Vogel die Potsdamer Sternwarte zu einer weltweit beachteten Forschungsstätte aus und war Mitglied in zahlreichen Wissenschaftsvereinigungen.
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