Wer war’s?: Physiker, Philosoph und Phagenpapst

Er scheint auf seinem Lebensweg eine Spur von Fans hinter sich herzuziehen. »Ein Mann von außergewöhnlicher geistiger Fähigkeit und Klarheit im Denken und in der Wahrnehmung«, schreibt der Genetiker William Hayes über ihn. James Watson, Mitentdecker der DNA, bezeichnet ihn als »ein Vorbild für das, was ich in meinem eigenen Leben erreichen wollte«, und für den Physiker Emilio Segrè ist er schlicht »ein normales Genie«.
Was macht ein normales Genie aus? Einiges. Eigenschaft null: Man wächst in einer Familie mit Einfluss auf, »einer sehr persönlichkeitsreichen Familie«, wie es der Gesuchte nennt. Sein Vater: namhafter Historiker und Politiker im Preußischen Abgeordnetenhaus. Seine Mutter: Enkelin von Justus von Liebig. Sein Onkel: namhafter Chemiker. Daneben finden wir in der Familie: Sprachwissenschaftler, einen engen Berater Bismarcks und sogar einen Mitgründer der Deutschen Bank. Das sorgt schon mal für festen Grund.
Der Chemikeronkel trägt übrigens denselben Namen wie der Gesuchte. Unterschied: Der Gesuchte lässt sich zeit seines Lebens gerne nur beim Rufnamen nennen – Eigenschaft eins: bescheidenes Auftreten. Hat da jemand Genie gesagt? »Kann es sein, dass es gar keine Genies gibt?«, fragt der Gesuchte sein Publikum in einer kleinen Fakultätsfeier, kurz nachdem er den Nobelpreis erhalten hat. »Wir sind doch alle erst komische junge Leute, und nach einer Weile werden wir zu komischen alten Leuten, da stimmen doch wohl die meisten von Ihnen zu. Dazwischen versucht jeder von uns, das Beste herauszuholen aus dem wenigen – sehr wenigen – Wissen, das wir haben.«
Nur: Wie holt man das Beste aus dem wenigen Wissen heraus? Mit Eigenschaft zwei: immer in Bewegung auf der Suche nach Grenzgebieten bleiben, mit einem guten Riecher für frische Wissenschaft. Angenehmer Nebeneffekt: Wenn Kritik kommt, dann kommt sie zu spät, denn der Forscher ist als bewegliches Ziel schon ein Stück weiter.
So startet der Gesuchte mit einem Astronomiestudium. In der Familie ist er damit schon mal konkurrenzlos: »Ich war der Allerjüngste, und niemand anderes wusste etwas von Naturwissenschaften und noch weniger von Astronomie.« Doch leider gibt es da ein Problem: Der Student ist unmotiviert, und dann ist da das ewige Messen. »Um die Astronomie in Deutschland stand es zu jener Zeit ziemlich schlecht. Sie war durch den übermäßigen Ehrgeiz der Astronomengeneration 50 Jahre zuvor ruiniert worden«, befindet der Gesuchte im Rückblick. »Die Deutschen maßen nicht nur Parallaxen, sondern auch die Eigenbewegungen der Sterne. Das hatte wirklich verheerende Auswirkungen auf die intellektuelle Qualität der deutschen Astronomen.« Und auf die Doktorarbeit.
Der Gesuchte wechselt in die Physik und promoviert in Göttingen bei Max Born – weniger Messung, mehr Theorie. Anschließend dreht er eine kleine Runde durch die europäische Qantenmechanikerszene: Bristol (John E. Lennard-Jones), Kopenhagen (Niels Bohr und George Gamow), Zürich (Wolfgang Pauli). Schließlich landet er in Berlin bei Lise Meitner, als deren Haustheoretiker, wie er es nennt. Auf Anregung von Niels Bohr, der zu der Zeit über das Geheimnis des Lebens nachdenkt, beginnt er nun, seine Fühler in die Biologie auszustrecken, und diskutiert mit befreundeten Wissenschaftskollegen im Privatissimum im Grunewald. Ergebnis: eine Arbeit »Über die Natur der Genmutation und der Genstruktur«.
Der Gesuchte bewirbt sich um ein zweites Reisestipendium: Statt Quantenmechanik geht es nun in die Molekularbiologie und die Erforschung von Bakteriophagen, statt nach Europa in die USA. Kaum ist er dort angekommen, startet Deutschland den Zweiten Weltkrieg. Der junge Wissenschaftler sucht sich daher einen Job als Instructor für Physik in Nashville und überwintert. Im Jahr 1945 wird er amerikanischer Staatsbürger.
Und er ist gut vernetzt – Eigenschaft drei: Kooperiere immer mit Leuten, die mehr wissen als du. So kann er sich nach dem Krieg aussuchen, wie es weitergehen soll. Er entscheidet sich für Biologie. »Das war etwas peinlich, da ich nie in meinem Leben eine Biologievorlesung gehört hatte«, gibt er selbst zu. »Aber in typisch amerikanischer Weise war man erstens so liberal, einen so unkundigen als Biologieprofessor anzuheuern, und zweitens dachte man doch, dass ich etwas Biologie lernen müsste, und deswegen gab man mir die Aufgabe, zunächst einmal die allgemeine Biologievorlesung zu halten. Das war sehr lehrreich für mich, aber vielleicht nicht so sehr für die Studenten.«
Und hier kommt Eigenschaft vier ins Spiel: Volle Leistung zeigen und einfordern, denn der Gesuchte weiß inzwischen, wie man sich mit Wissen druckbetankt, und genau das fordert er auch von seiner Umgebung. »Als Dozent war er für die Studierenden äußerst einschüchternd. Nur die allermutigsten Studierenden trauten sich in seine Kurse«, erinnert sich ein Kollege und Schüler. »Ich habe ihn als einen ziemlich strengen Kritiker gegenüber Menschen erlebt, die seinen Maßstäben nicht genügten. Ich erinnere mich, dass ich einmal den sehr bekannten Immunologen Jan Klein zu einem Vortrag am Caltech eingeladen hatte. Jan war etwa drei Minuten in seinem Vortrag, als der Gesuchte im Mittelgang aufstand und mitten durch die von Jan gezeigten Folien hinausging. Das sollte heißen, dass der Vortragende entweder Quatsch redete oder sich in Fachjargon verlor.«
Dabei hilft Eigenschaft fünf: keine Angst vor Publikum, egal, ob man einen Vortrag sprengt oder eine Party gibt. Auf Tonaufnahmen reimt und singt der Gesuchte vor größerem Publikum heitere Verse über seine Arbeit und Kollegen; zahlreiche Berichte dokumentieren Sommer- und Gartenfeste, auf denen der Gastgeber wahlweise in Flanellhosen und großväterlichem Frack oder als schwangere Frau verkleidet auftritt. Angeblich schreibt er sogar eine Faust-Parodie, die im Jahr 1932 in Kopenhagen aufgeführt wird.
So wird aus einem einfachen Astronomen ein normales Genie mit Nobelpreis in Medizin, für die Erforschung der Replikation von Viren. Heute ist ein Forschungszentrum in Berlin nach ihm benannt – und, klar, einen Asteroiden mit seinem Namen gibt es natürlich auch.
Es war Max Delbrück (geboren am 4. September 1906 in Charlottenburg, gestorben am 9. März 1981 in Pasadena, Kalifornien). Delbrück wurde in eine Familie geboren, aus der unzählige einflussreiche Personen hervorgegangen sind, insbesondere in der Wissenschaft. Max’ Vater Hans Delbrück, der bei Geburt seines jüngsten Kindes fast 60 Jahre alt war, war Historiker und Politiker im Preußischen Abgeordnetenhaus. Er gab zusammen mit Heinrich von Treitschke die Preußischen Jahrbücher heraus und setzte sich unter anderem für die Gleichberechtigung von Frauen in der Bildung ein. Max’ Mutter Carolina (Lina) Thiersch war eine Enkelin des Chemikers Justus von Liebig. Sein Onkel Max Delbrück (nach dem Max benannt wurde) war Chemiker und Bakteriologe.
Die Familie zog bald nach Max’ Geburt von Charlottenburg in den Grunewald um, wo unter anderem in der Nachbarschaft auch Max Planck und die Familie Bonhoeffer wohnten. Im Jahr 1924 schloss Max das Grunewald-Gymnasium mit dem Abitur ab und begann, in Tübingen, Berlin, Bonn und Göttingen Astronomie zu studieren. »Ich war, was den Besuch von Vorlesungen angeht, ein furchtbar schlechter Student. Ich meine, ich war schon anwesend, kam aber immer zu spät, und weil ich zu spät war, saß ich immer in der letzten Reihe und konnte mich nie dazu aufraffen, vernünftige Notizen zu machen und sie mir später anzusehen«, erinnert er sich später. »Ich konnte das Angebot der Universität damals nicht nutzen. Ich war einfach noch nicht reif genug dafür.«
So brach er seine Dissertation bei Hans Kienle über die Geburt von Sternen ab und wechselte stattdessen in die Quantenphysik. Hier klappte es mit der Promotion bei Max Born: Im Jahr 1930 gab Delbrück eine Arbeit über »Quantitatives zur Theorie der homöopolaren Bindung« ab.
Von 1929 bis 1932 war er Assistent bei John E. Lennard-Jones in Bristol, forschte mit einem Rockefeller-Stipendium bei Niels Bohr in Kopenhagen (wo er auch George Gamow traf) und verbrachte außerdem Zeit bei Wolfgang Pauli in Zürich. Ab dem Jahr 1932 war er Assistent bei Lise Meitner.
In dieser Zeit unterhielt er eine Art Salon in seiner Wohnung im Grunewald, wo sich befreundete Wissenschaftler trafen und plauderten. So entstand im Jahr 1935 die Idee zu einem Aufsatz mit dem Genetiker Nikolai Timofejew-Ressowski und dem Physiker Karl Günther Zimmer »Über die Natur der Genmutation und der Genstruktur«, angeregt von Niels Bohrs Interesse an dem Zusammenspiel von Leben und Materie.
Im Jahr 1936 hatte er sich als Physiker an der Universität Berlin habilitiert. Delbrück bewarb sich nun um ein weiteres Rockefeller-Stipendium, um eine Reise durch die USA zu machen und sich dort über die Fortschritte in der genetischen Forschung zu informieren. Nach Stationen bei Milislav Demerec am Cold Spring Harbor Laboratory und bei Wendell Stanley am Rockefeller Institute (der im Jahr 1936 gezeigt hatte, dass das Tabakmosaikvirus auskristallisieren kann) führte ihn sein Weg zu Thomas Hunt Morgan ans Caltech. Dort traf er im Jahr 1938 Emory Ellis, mit dem er die quantitative Phagengenetik begründete.
Im Jahr 1940 übernahm Delbrück an der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee, eine Stelle als Instructor für Physik, die es ihm erlaubte, nebenbei auch Experimente in Genetik zu machen. Zusammen mit Salvador E. Luria und Alfred Hershey gründete er 1943 die sogenannte Phagengruppe an der Washington University in St. Louis. Im Jahr 1947 wurde Delbrück als Professor für Biologie an das Caltech in Pasadena berufen. Die Phagengruppe wurde 1969 mit dem Nobelpreis für Medizin oder Physiologie ausgezeichnet.
Delbrück förderte in den 1950er Jahren den Aufbau eines Instituts für Genetik an der Universität Köln und forschte dort 1960 bis 1963. Im Jahr 1969 half er der Universität Konstanz, eine Fakultät für Biologie einzurichten. Seit 1992 gibt es das Max-Delbrück-Zentrum in Berlin, einen Zusammenschluss von drei Zentralinstituten der ehemaligen Akademie der Wissenschaften der DDR (Molekularbiologie, Krebsforschung und Herz-Kreislauf-Forschung). Max Delbrück wurde 1977 am Caltech emeritiert.
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