Direkt zum Inhalt

Wer war’s?: Sonne und Schottland

Ein Sonnenphysiker muss Deutschland wegen der NS-Zeit verlassen und arbeitet an vielen Stellen auf der Welt an seinem Hauptthema.
Bunte Silhoutten verschiedener Köpfe

Seine Mutter ist gebürtige Schottin. Irgendwann fügt er einen Teil ihres Mädchennamens in seinen eigenen Namen ein, um seine schottischen Wurzeln zu dokumentieren, und lehrt sogar für zwei Jahrzehnte in Schottland Astronomie. Den Sonnenphysiker – so wird er einmal in »Sterne und Weltraum« genannt – zieht es jedoch nicht aus freien Stücken in den rauen Norden: Wie viele andere Physikerinnen und Physiker ist auch er ein Opfer der Vertreibungspolitik von Nazis.

Rund ein Viertel der Physikprofessoren in Deutschland verliert durch das »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« die Anstellung, dazu zahlreiche Assistenten und Hilfskräfte. Das wohl prominenteste Opfer in der Physik ist Albert Einstein, der den Gesuchten in seiner Funktion als Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik als wissenschaftlichen Mitarbeiter einstellt. Als Assistent und Astronom arbeitet dieser zunächst an der Berliner Sternwarte und wird später ein nach seinem berühmten Kollegen und Freund benanntes Institut in Potsdam leiten.

In die Astronomie hatte der junge Mann auf Umwegen gefunden: Nach der Schule hat er zunächst in Stettin als Dockarbeiter sein Geld verdient, bevor er in Charlottenburg anfängt, Schiffsbau zu studieren. Doch da bekommt er Herzprobleme, was ihn dazu bringt, seine Lebensplanung gründlich zu hinterfragen. Sein nächstes Leben startet er in Göttingen, mit einem Studium der Mathematik, Physik und Astronomie, das in eine Promotion in Funktionentheorie über »Analytische Funktionen mit beliebig vorgeschriebenem unendlich-blättrigem Existenzbereiche« bei Felix Klein und Paul Koebe mündet.

Der Wissenschaftsnetzwerker Felix Klein bringt ihn danach dazu, sich auf einen Astronomieposten in Berlin zu bewerben. Es hätte tatsächlich eine Erfolgsstory werden können, denn der Gesuchte brennt geradezu darauf, Einsteins Arbeit »Über den Einfluß der Schwerkraft auf die Ausbreitung des Lichtes«, die ein Jahr nach der Dissertation des Gesuchten erschienen ist, durch Beobachtungen zu untermauern. Der junge Astronom will die von Einstein prognostizierte Ablenkung des Lichts durch Gravitation an der Sonne messen. Und er arbeitet auch daran, die von Einstein vorhergesagte Periheldrehung von Merkur nachzuweisen. Er reist auf die Krim, um bei einer Sonnenfinsternis im August 1914 die Ablenkung des Lichts zu messen – doch da macht ihm der Erste Weltkrieg einen Strich durch die Rechnung. Er wird von Russland interniert und kommt erst durch einen Gefangenenaustausch wieder frei.

Noch drei weitere Male versucht er in den folgenden Jahren sein Glück bei Sonnenfinsternissen. Zweimal ist der Himmel wolkenverhangen, und einmal, auf Sumatra, durchkreuzt ein Messfehler seine Pläne. Allerdings hat der Gesuchte noch weitere Pläne. Sein wichtigster: der Bau eines Turmteleskops zur Sonnenbeobachtung. Durch Zufall lernt er den Architekten Erich Mendelsohn kennen – dessen Frau ist Cellistin, und auch der Gesuchte spielt Cello. Weitere glückliche Zufälle bescheren der vom Gesuchten gegründeten Einstein Stiftung genug Kapital, um tatsächlich auf dem Telegrafenberg in Potsdam eine solche Sternwarte zu errichten: Im Jahr 1924 kann der Einsteinturm, der bekannte weiße, futuristisch-abgerundete Bau nach Entwürfen von Mendelsohn, als Unterabteilung des Astrophysikalischen Observatoriums Potsdam seine Arbeit aufnehmen.

Wie gesagt: Es hätte eine Erfolgsstory werden können. Doch im Reich übernehmen die Nazis die politische Führung, und im Alltag am Arbeitsplatz macht dem jüdischen Astronomen ein deutschnationaler Antisemit das Leben zur Hölle: der Direktor des Astrophysikalischen Observatoriums, Hans Ludendorff. Der hält fachlich wenig von der verjudeten relativistischen Physik, die der Gesuchte da treibt, und findet es daher schon einen guten Fortschritt, als auf Weisung des Preußischen Kultusministeriums der Einsteinturm zum Institut für Sonnenphysik umbenannt wird. Als er dann den Gesuchten im Juli 1933 auch noch entlassen darf, weint er ihm keine Träne nach.

Der Entlassene geht in ein langes Exil. Erste Station ist Istanbul; dort übernimmt er an der neuen Istanbuler Universität den Lehrstuhl für Meteorologie und Astronomie. Einige Jahre später zieht er weiter nach Prag – wo er bald wieder von Nazis vertrieben wird –, dann in die Niederlande, um schließlich an der University of Saint Andrews nördlich von Edinburgh zu lehren. Erst lange nach dem Krieg und nach seiner Pensionierung kehrt der Gesuchte in seine Heimatstadt in Deutschland zurück.

Erwin Freundlich (1885 – 1964)

Es war Erwin [Finlay] Freundlich (geboren am 29. Mai 1885 in Biebrich am Rhein, gestorben am 24. Juli 1964 in Wiesbaden). Sein Vater Friedrich Philipp Ernst Freundlich war Unternehmer und Direktor einer Eisengießerei in Biebrich am Rhein, seine Mutter Ellen Elizabeth Finlayson war in Großbritannien geboren. Aus ihrem schottischen Mädchennamen entlieh sich Freundlich später das Finlay. Die Biografen sind sich nicht ganz einig, ab wann er das tat: Womöglich versuchte er damit schon in Deutschland, dem grassierenden Antisemitismus etwas entgegenzusetzen, vielleicht nutzte er den Beinamen aber auch erst später in Schottland, um auf dem Astronomielehrstuhl an der University of Saint Andrews etwas schottischer zu wirken.

Freundlich besuchte Schulen in seiner Heimatstadt Biebrich und dem nahegelegenen Wiesbaden und arbeitete dann kurzzeitig in einem Schiffsdock in Stettin. Er begann anschließend, an der Technischen Hochschule in Charlottenburg Schiffsbau zu studieren. Herzprobleme brachten ihn kurz darauf jedoch dazu, sein Leben komplett zu überdenken. Er brach das Studium ab und studierte in Göttingen, dem Nabel der damaligen mathematischen Welt, Mathematik, Physik und Astronomie.

Dieses Studium schloss er im Jahr 1910 mit einer Promotion bei Felix Klein ab, mit einer Arbeit über analytische Funktionen. Im selben Jahr übernahm er eine Assistentenstelle an der Berliner Sternwarte. Einen Großteil seines Lebens widmete er dem Nachweis von Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie und pflegte auch gute persönliche Kontakte zu Einstein. So nahm er im Jahr 1914 an einer Hamburger Sonnenfinsternisexpedition auf die Krim teil, mit dem Ziel, die gravitative Ablenkung des Lichts durch die Masse der Sonne nachzuweisen, wie sie Einstein drei Jahre zuvor prognostiziert hatte. Das Team wurde aber vom Ersten Weltkrieg überrascht. Freundlich wurde interniert, konnte allerdings wenig später durch einen Gefangenenaustausch wieder ins Deutsche Reich zurückkehren.

Im Lauf der folgenden Jahre nahm Freundlich an mehreren weiteren Expeditionen mit demselben Ziel teil beziehungsweise organisierte einige sogar selbst. Im Jahr 1922 konnte er auf einer von ihm organisierten Expedition auf Christmas Island (Indonesien) aufgrund von Bewölkung keine Beobachtung vornehmen, ebenso 1926 auf Sumatra. 1929 maß Freundlich auf einer weiteren, diesmal von ihm geleiteten Expedition auf Sumatra überraschend eine zu große Ablenkung und konnte daher auch diese Messung nicht verwenden. In Berlin verlagerte sich Freundlich darauf, die Rotverschiebung durch die Sonne zu messen, doch wiesen auch hier seine Messungen Fehler auf, weswegen sich Freundlich unproportional heftiger Kritik besonders aus dem Lager der Antisemiten ausgesetzt sah.

Im Jahr 1919 konnte Arthur Eddington bei einer Sonnenfinsternis im Golf von Guinea jedoch tatsächlich die relativistische Ablenkung des Lichts nachweisen. Daraufhin wuchs das Interesse an der Sonnenphysik schlagartig, was auch Forschungsgelder freisetzte. Freundlich gelang es, durch Spenden und staatliche Förderung genug Geld zu sammeln, um ein Sonnenobservatorium mit Teleskop auf dem Telegrafenberg in Potsdam zu finanzieren. Der Entwurf zu dem Turm stammte von Erich Mendelsohn; Freundlich hatte ihn über dessen Frau Luise Maas kennengelernt, die Konzertcellistin war.

Im Jahr 1920 wurde Freundlich Observator am Astrophysikalischen Observatorium in Potsdam; ein Jahr später übernahm Hans Ludendorff dort die Leitung. Ludendorff war nicht nur Anhänger der klassischen Physik und kritisierte Freundlich aus diesem Blickwinkel fachlich, sondern auch deutschnationaler Antisemit. Vermutlich spielte bei den Konflikten zwischen den beiden aber auch Neid eine Rolle, weil Freundlich, der ab 1924 das Observatorium im Einsteinturm leitete, viele gute Kontakte in die Industrie pflegte, insbesondere zu Karl Bosch. So warb er bedeutende Spendengelder ein und konnte seine Einrichtung vergleichsweise gut ausstatten.

Im Jahr 1933 wurde Freundlich infolge der Rassengesetze entlassen und ging nach Istanbul, um an der dortigen Universität ein Observatorium aufzubauen und das erste moderne Lehrbuch für Astronomie in türkischer Sprache zu schreiben. Drei Jahre später wechselte er auf eine Professur in Prag, musste aber 1939 von dort in die Niederlande fliehen. Er übernahm in der Folge eine Professur im schottischen Saint Andrews.

Erst im Jahr 1959, nach seiner Emeritierung, kehrte Freundlich wieder nach Deutschland zurück und zog nach Wiesbaden, wo er fünf Jahre später verstarb.

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.