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Psychische Störungen: Bulimie

Wodurch zeichnet sich die Bulimie aus? Wie entsteht die Störung, was sind ihre Folgen? Informationen für Betroffene und Angehörige.
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Was ist Bulimie?

Bulimia nervosa (kurz: Bulimie) ist neben der Magersucht (Anorexie) und der Binge-Eating-Störung der häufigste Typ der Essstörungen. Bulimiker leiden unter Essanfällen, die meist mehrmals pro Woche auftreten. Während dieser Heißhungerattacken nehmen die Betroffenen ungewöhnlich große Mengen an Nahrung zu sich. Oft verzehren sie dann in wahlloser Reihenfolge alles, was sie in ihrer Küche gerade vorfinden, sei es eine Großpackung Eiscreme oder ein ganzer Laib Brot. Typisch dabei ist ein starker Kontrollverlust: Die Betroffenen haben das Gefühl, mit dem Essen einfach nicht mehr aufhören zu können.

Nach dem Essanfall verspüren sie oft tiefe Scham und ekeln sich vor sich selbst. Um einer drohenden Gewichtszunahme entgegenzuwirken, greifen Bulimiker dann zu drastischen Maßnahmen: Viele brechen ihren Mageninhalt gleich wieder aus oder verwenden Entwässerungs- und Abführmittel aus der Apotheke, um die aufgenommene Nahrung sofort wieder loszuwerden. Dieses Verhalten wird von Psychologen und Psychiatern auch als Purging bezeichnet. Doch nicht bei allen Bulimikern lässt sich dieses Purging beobachten. Manche kompensieren ihre Essanfälle auf anderem Weg, etwa durch Fasten oder übermäßige sportliche Betätigung.

Obwohl es auch Bulimiker mit starkem Über- oder Untergewicht gibt, hat der Großteil der Betroffenen einen BMI ("Body-Mass-Index") im Normalbereich. Trotzdem nehmen sie sich meist als "viel zu dick" wahr und leiden deswegen unter starken Selbstwertproblemen: Figur und Körpergewicht spielen eine zentrale Rolle für ihr Selbstbild. Selbst kleine Gewichtszunahmen werden dann schnell als Versagen empfunden.

Problematisches Essverhalten ist gerade bei jüngeren Frauen keine Seltenheit – jede fünfte Frau im jungen Erwachsenenalter berichtet in Umfragen etwa von gelegentlichen Essanfällen. Bei Bulimikern bestimmen die Gedanken um Figur und Nahrungsaufnahme jedoch häufig einen Großteil des Tagesverlaufs: Ständiges Wiegen, Kalorienzählen und exzessives Sporttreiben lassen kaum noch Raum für Erholung und Hobbys.

Wie verbreitet ist Bulimie, wie verläuft die Störung?

Epidemiologischen Studien zufolge leiden zwei bis drei Prozent aller Deutschen irgendwann in ihrem Leben an einer Bulimie. Die Betroffenen sind fast immer weiblich: Bei Frauen tritt die Störung fast 20-mal so häufig auf wie bei Männern.

Meistens beginnt die Bulimie im späten Jugendalter, der Gipfel der Ersterkrankungen liegt zwischen 18 und 19 Jahren. Der Verlauf der Störung ist deutlich günstiger als bei der Anorexie: Bei etwa 50 bis 75 Prozent der Betroffenen gehen die Symptome im Lauf der Zeit vollständig zurück. Ein chronischer Verlauf lässt sich bei etwa 20 bis 30 Prozent der Betroffenen beobachten.

Wie entsteht die Bulimie?

Eine eindeutige Ursache für die Entstehung einer Bulimie gibt es nicht. Stattdessen wird von einem Zusammenspiel zahlreicher sozialer, biologischer und individueller Faktoren ausgegangen.

Häufig wird ein gesellschaftlich vermittelter "Schlankheitswahn" als Auslöser von Essstörungen wie Bulimie angesehen. Tatsächlich sind die meisten Frauenzeitschriften voll mit Diättipps und Fotos von schlanken Schauspielerinnen und Models. Die Vermutung liegt nahe, dass diese medial vermittelten Schönheitsideale die Entstehung von Essstörungen begünstigen. Einige Forschungsergebnisse unterstützen diese Vermutung auch empirisch. So wurde etwa in einer Langzeitstudie das Ernährungsverhalten von 15- bis 18-jährigen Schülerinnen in Nadroga (Fidschi-Inseln) untersucht. Im Jahr 1995, nur wenige Wochen nach Einführung des Satellitenfernsehens, lag die Häufigkeit von selbst herbeigeführtem Erbrechen zur Gewichtskontrolle noch bei null Prozent. Innerhalb von drei Jahren stieg die Rate jedoch auf über elf Prozent an. Offenbar haben gerade Massenmedien einen großen Einfluss auf das Ernährungsverhalten. Allerdings kann sozialer Druck die Entstehung der Störung nicht vollständig erklären: Obwohl fast alle Menschen im europäischen Kulturraum diesem Schlankheitsideal ausgesetzt sind, entwickelt nur ein kleiner Teil von ihnen eine Bulimie.

Ein niedriges Selbstwertgefühl und ein ausgeprägtes Leistungsdenken können allerdings dazu führen, dass die gesellschaftlich vermittelten Schlankheitsideale immer stärker übernommen werden. Für viele Bulimiker wird ein niedriges Körpergewicht zu einem wichtigen persönlichen Leistungsziel, mit dem der eigene Selbstwert steht und fällt. Um abzunehmen, führen viele Bulimiker eine "schwarze Liste" mit "verbotenen" Lebensmitteln – vor allem nährstoffreiche und fettige Lebensmittel wie Fleisch, Butter und Süßigkeiten. Leider führen die Ernährungseinschränkungen zu immer häufigeren Heißhungerattacken. Die Gegenmaßnahmen, etwa selbst herbeigeführtes Erbrechen, helfen aber nur kurzzeitig zur Spannungsreduktion. Langfristig führen diese Verhaltensweisen hingegen zu Gefühlen von Wertlosigkeit und Schuld. Um dagegen anzukämpfen, setzen Bulimiker dann wiederum auf restriktive Diäten zur Gewichtsabnahme – ein Teufelskreis.

Was sind die Folgen der Bulimie?

Viele Betroffene entwickeln infolge ihrer Essstörung weitere psychische Störungen. Durch das gezügelte Essverhalten werden depressive Verstimmungen begünstigt. Die ständige Beschäftigung mit Essen und Abnehmen kann zu Ausgrenzung und sozialer Isolation führen. Oft kommt es auch zu körperlichen Folgeproblemen: Das ständige Erbrechen zieht Säureschäden an den Zähnen nach sich. Durch die Störungen des Elektrolytspiegels kann es zudem zu Nierenschäden und Herzrhythmusstörungen kommen.

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