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Die mystische Zahl

Was sagt Ihnen die Zahl 137? Wahrscheinlich nichts. So alt wird kein Mensch, der Hartz-IV-Satz liegt zum Glück darüber, es ist nicht das Jahr irgendeiner berühmten Schlacht und sicher auch nicht die Geheimnummer von Lady Gaga. Für den in Österreich geborenen Wolfgang Pauli, einen der bedeutendsten theoretischen Physiker des 20. Jahrhunderts, war sie aber Bestandteil seiner physischen Probleme. Die 137 verfolgte ihn in seinen Träumen – und er träumte viel und intensiv. Vom Unterbewusstsein gequält, begab er sich schließlich in psychoanalytische Behandlung.

Pauli suchte keinen Geringeren auf als den Schweizer Carl Gustav Jung, Freuds Widersacher und Begründer der Archetypenlehre. Die ominöse Zahl verfolgte ihn bis in den Tod: Er starb im Krankenhaus vom Roten Kreuz in Zürich – in Zimmer 137. Als Pauli dort am 5. Dezember 1958 mit starken Magenschmerzen eingeliefert wurde, stöhnte er: "Es ist die 137! Hier komme ich nicht mehr lebend heraus." Die Zahl und ihr Analytiker stehen nun im Mittelpunkt des Buchs "137 – Carl Gustav Jung, Wolfgang Pauli und die Suche nach der kosmischen Zahl" von Arthur I. Miller.

Was ist nun das Besondere an dieser Zahl? Zunächst einmal geht es nicht um eine Ganze Zahl im Sinn der Mathematik sondern um einen physikalischen Wert. Genauer muss es 137,035999 heißen, und eigentlich ist sogar der Kehrwert davon gemeint. Es handelt sich um die berühmte Feinstrukturkonstante α ≈ 1/137, die in der Theorie der Atomspektren auftritt. Das Besondere: α ist dimensionslos, also ein reiner Zahlenwert ohne Einheit wie zum Beispiel Zentimeter oder Kilogramm. Die Zahl ist das Ergebnis einer eigentümlichen Kombination der drei Naturkonstanten e (elektrische Ladung), h (Wirkungsquantum) und c (Lichtgeschwindigkeit). Sie verknüpft also Quantentheorie (e, h) und Spezielle Relativitätstheorie (c) und ist daher ein zentrales Element der Relativistischen Quantenmechanik. Wolfgang Pauli und Werner Heisenberg haben diese Theorie (Quantenelektrodynamik) in den 1930er Jahren begründet. Es ist also kein Wunder, dass die Feinstrukturkonstante Pauli stark beschäftigt hat. Leider gelang es ihm nicht, ihren Wert aus tieferen Prinzipien abzuleiten. Das Problem ist nach wie vor offen.

Im Buch von Miller ist die "kosmische Zahl" 137 nur eine Metapher für eine viel größere Geschichte: Der Konflikt zwischen Geist und Psyche – mit den Protagonisten Pauli und Jung. Beide waren tief darin verstrickt und versuchten das Wissen des jeweils anderen in ihr eigenes Weltbild einzubauen. Pauli war auf der Suche nach einer tieferen, ganzheitlichen Erklärung für die physikalische Realität und Jung wollte seine zum Teil esoterische Vorstellung von der Seele auf eine naturwissenschaftliche Grundlage stellen.

Für den erfolgreichen Psychoanalytiker Jung war es ein Glücksfall, als sich der berühmte Physiker und spätere Nobelpreisträger in seiner Züricher Praxis meldete. Pauli war nach außen hin ein extrem rationaler Mensch, bekannt – und bisweilen berüchtigt – durch seine scharfen Analysen und bissigen Kommentare: das "Gewissen der Physik". Innerlich war er aufgewühlt von starken Gefühlen, streunte nachts umher, betrank sich in Bars, prügelte sich mit Fremden und ging ins Freudenhaus um sich abzulenken – der Prototyp eines "Dr. Jekyll und Mr. Hyde". Pauli verbarg zeitlebens seine dunkle Seite vor der Welt. Das Doppelleben musste ihn zwangsläufig auf die "Couch" bringen. Jung analysierte seine Träume, legte sein weibliches Ich, die "Anima", frei und behandelte das gestörte Verhältnis zu Frauen.

Mit der Zeit wandelte sich das Verhältnis Analytiker zu Patient. Die beiden Männer zogen sich gegenseitig in ihren Bann und wurden schließlich Freunde. Sie diskutierten heftig über Archetypen, Mandalas, Alchemie, Ufologie, Zahlenmystik, Quanten, Symmetrie, Komplementarität, Kausalität und Synchronizität – eine abstruse Mischung. Dabei schuf insbesondere die Synchronizität eine Brücke zwischen den so unterschiedlichen Fachgebieten. Der Begriff bezeichnet das gleichzeitige Auftreten von Ereignissen, die sich kausal nicht bedingen aber dennoch korreliert erscheinen. Das bekannteste Beispiel ist der "Pauli-Effekt". Pauli verabscheute die Experimentalphysik, was bisweilen eine verblüffende Wirkung hatte. In seiner Gegenwart gingen viele Versuche schief – ein Albtraum für jeden Experimentator. Selbst im Alltag erzeugte seine bloße Anwesenheit wie in einer selbsterfüllenden Prophezeiung so manches Chaos.

Physik und Psychologie werden heutzutage gerne auf obskure Weise vermischt – das Ergebnis ist pure Esoterik. In diesem Buch werden aber die beiden Fachgebiete thematisch klug verbunden ohne dass beim Leser auch nur der leiseste Verdacht einer ideologischen Beeinflussung entsteht. Der Amerikaner Miller, Physiker und emeritierter Professor für Geschichte und Philosophie der Naturwissenschaften am University College in London, liefert eine umfassende Charakterstudie von Pauli und Jung. Er dringt tief in die vermeintlich so unterschiedlichen Welten der beiden Personen ein. Lebensgeschichte und Werk werden in vielen Facetten dargestellt – das Ergebnis einer gründlichen Recherche.

Bisweilen wiederholen sich die Dinge, was aber kaum stört. Der Text ist locker und verständlich geschrieben, besondere Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Es gibt einige Schwearzweißbilder, Diagramme und Formeln. Nur an einer Stelle findet sich ein kleiner Fehler (ob die Psychologie stets korrekt behandelt ist, kann ich nicht beurteilen): Auf Seite 247 steht, dass ei = 1 ist; hier muss es natürlich eipi = -1 heißen. Mit Anmerkungen, Literaturverzeichnis und Personenregister kommt das profunde Werk auf 411 Seiten. Schade ist nur, dass die Seite 137 nicht für etwas Besonderes genutzt wurde, etwa ein Buchstaben-/Zahlenrätsel nach Art der Kabbala.

Fazit: Ein lesenswertes Buch mit hohem Anspruch und einem außergewöhnlichen Thema. Was bedeutet nun die Zahl 137? Das kommt darauf an, wer sich mit ihr beschäftigt. Für gewöhnliche Menschen ist sie eine Zahl wie jede andere. Eingefleischte Zahlenmystiker fürchten vielleicht ihren schlechten Einfluss. Mathematiker fanden derweil heraus, dass alle hinreichend großen Zahlen Summen von höchstens 137 siebten Potenzen sind. Für theoretische Physiker ist die "kosmischen Zahl" eine ständige Herausforderung. Vielleicht errechnen sie ja eines Tages, dass es exakt 137 Universen gibt? Schließlich können Fans von Komikheften zu der Erkenntnis kommen: Es ist die Telefonnummer von Pauli aus der Serie "Fix und Foxi".
29. KW 2011

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 29. KW 2011

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