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Kranke Täter

Warum kommt ein Jugendlicher mit einer Waffe in die Schule und ermordet ein Dutzend Gleichaltrige? Und weshalb gerade er? Diesen Fragen widmet der Psychiater und Psychotherapeut Peter Langman sein erstes Buch, in dem er beispielhaft Persönlichkeit und Lebensumstände von zehn Amokläufern unter die Lupe nimmt. Sein Fazit: Eine einfache Formel gibt es nicht, denn jeder einzelne Risikofaktor trifft auf Tausende oder gar Millionen von Schülern zu.

Diese These untermauert der Autor, indem er Theorien widerlegt, die eine einzige Ursache in den Vordergrund rücken. Unter anderem demontiert er das Klischee des Außenseiters und Mobbingopfers, das sich für erlittene Demütigungen rächt: Tatsächlich sei nur einer von zehn Tätern sozial isoliert gewesen und von Gleichaltrigen schikaniert worden. Das Motiv Rache diene eher als Schutzbehauptung oder zur Rationalisierung der Tat. Vielmehr quälte die Täter der Neid auf beliebte und erfolgreiche Mitschüler.

Der Psychiater bestreitet auch die in den USA viel diskutierte Hypothese, dass Nebenwirkungen von Psychopharmaka für Amokläufe verantwortlich sein könnten. Im Gegenteil hätte man sie verhindern können, wenn die Täter rechtzeitig behandelt worden wären. Denn wie der Facharzt im Hauptteil des Buchs nachweist, litten sie alle an einer psychischen Störung – ob Psychopathie, schizophrene Psychose oder die Folgen einer Traumatisierung. Zusätzlich seien neun von zehn Amokläufer depressiv gewesen.

Dem Klischee des "verrückten" Täters entsprechen vor allem jene mit schizophrenen Psychosen. Die Fallgeschichten deuten jedoch darauf hin, dass Wahnvorstellungen und Halluzinationen allein nicht genügen, um die Tat auszulösen. Gefahr drohe erst, wenn die Betroffenen ihre seelischen Nöte nicht mitteilen und Alkohol oder andere Drogen konsumieren. Langmans Behauptung, Schizophrene würden nicht häufiger Gewalttaten begehen als Durchschnittsbürger, ist unter Fachleuten allerdings umstritten.

Die psychotischen Täter stammten in dieser Fallstudie alle aus intakten Mittelschichtfamilien – ebenso wie die narzisstischen Psychopathen. Offenbar schützt selbst ein solides Elternhaus nicht vor einer schweren Persönlichkeitsstörung. Bei den betroffenen Jugendlichen kann ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit gepaart mit einem Bedürfnis nach Bewunderung sowie einem Mangel an Mitgefühl zu Allmachts- und Zerstörungsfantasien führen. Wenn weitere Risikofaktoren hinzukommen  – Überempfindlichkeit gegenüber Kränkungen, der selbstverständliche Umgang mit Waffen und die Lust am Leid anderer  –, dann sind alle Voraussetzungen für ein Massaker geschaffen. Die Familienkonstellation spielte ebenfalls eine Rolle: Die meisten psychopathischen Amokläufer hatten ältere Schwestern, die erfolgreich und beliebt waren.

Hingegen litten die traumatisierten Täter darunter, dass sie weder sich noch ihre kleinen Geschwister vor Misshandlung, Vernachlässigung oder sexuellem Missbrauch hatten schützen können. Sie stammten in der Regel aus einer Familie mit einer alkoholabhängigen Mutter und einem kriminellen Vater und wuchsen deshalb bei Pflegeeltern auf.

Detailliert analysiert Langman Persönlichkeit sowie Umfeld der Täter und extrahiert aus seinen Befunden Warnsignale wie zum Beispiel offene Drohungen und martialische Selbstporträts. In zehn Punkten erläutert er, wie ein Amoklauf zu verhindern sei, etwa indem Waffen sicher verwahrt werden und Eltern Ankündigungen ernst nehmen. Einziges Manko: Anstatt Präventionsmaßnahmen für die Phase der Tatvorbereitung zu entwickeln, hätte der Autor auf Grund seiner Ursachenanalyse für eine bessere Früherkennung und Behandlung psychischer Probleme von Jugendlichen plädieren müssen.
  • Quellen
Gehrin und Geist 12/2009

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