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Bösartige Traurigkeit

Der Begriff "Depression" bezeichnet in Medizin, Psychologie und Alltag häufig ganz unterschiedliche Phänomene: von einer leichten Verstimmung bis hin zu einer schweren psychischen Störung. Betroffene und Therapeuten haben es daher schwer, sich einen Überblick über den aktuellen Stand der Depressionsforschung zu verschaffen. Dieser Aufgabe hat sich der Biologe Lewis Wolpert angenommen.

Der emeritierte Professor vom University College London erfuhr am eigenen Leib, welches Stigma der Depression bis heute anhaftet. Eindringlich schildert er seine Scham und die seiner Angehörigen sowie die Hoffnung, dass die Erkrankung biologisch bedingt sei und er sie somit nicht selbst verschuldet haben konnte.

Den gängigen medizinischen Definitionen der Schwermut misstraut Wolpert: Wer dieses schlimme Leiden mit Worten beschreiben könne, habe es nicht selbst durchlebt. Er schildert es als die schmerzlichste Erfahrung seines Lebens, "qualvoller sogar, als meiner krebskranken Frau beim Sterben zuzusehen".

"Malignant Sadness" (bösartige Traurigkeit) lautet daher der englische Originaltitel des Buchs. Evolutionstheoretiker gehen davon aus, dass Trauer eine biologische Funktion erfüllt – etwa indem der verminderte Antrieb Energie spare und das Leid Angehörige dazu motiviere, den Betroffenen zu unterstützen. Wolpert setzt an dieser Idee an, führt sie aber weiter aus: Schwere Depressionen hätten ihre ursprüngliche, adaptive Rolle verloren, ähnlich einem Krebsgeschwür. In biologischen und psychologischen Erklärungsversuchen diskutiert er alle denkbaren Ursachen: von der Länge eines bestimmten DNA-Abschnitts über die Rolle des Östrogens bis hin zu belastenden Ereignissen, die Depressionen auslösen können, darunter der Verlust eines Partners oder chronische Krankheiten.

Der Biologe verschweigt jedoch nicht, dass wesentliche Fragen wie die nach Wesen und Ursachen der Depression bis heute nicht abschließend beantwortet sind. Dieses Unvermögen der Fachwelt spiegelt sich in seiner eigenen Suche nach einer Erklärung. Denn als der Patient Wolpert von einem Fachmann zum nächsten wechselte, musste er sich immer wieder neue Interpretationen seines Leidens anhören.

Auf der Grundlage von Forschungsergebnissen sowie seiner eigenen Erfahrungen empfiehlt er eine kognitive Verhaltenstherapie in Kombination mit Antidepressiva. Mit ihrer Hilfe habe er selbst gelernt, seine "beharrlich negativen Gedanken in den Griff zu bekommen" und wieder an den zuvor gefürchteten Sitzungen mit Kollegen teilzunehmen.

In Wolperts Person gehen zwei Bedürfnisse eine fruchtbare Verbindung ein: Während der Biologe fachlich fundiert argumentiert, um "die Natur dieses grauenhaften Leidens im wissenschaftlichen Sinne zu verstehen", möchte der Patient seine Erkrankung begreifen und anderen Betroffenen verständlich machen. Auch wenn Wolpert deshalb seinen Erfahrungsbericht mit einer Fülle wissenschaftlicher Informationen verwebt, trennt er doch klar zwischen Forschungsergebnissen und eigenen Ideen und vermeidet unzulässige Vereinfachungen.

Einen ausgewogenen und umfassenden Überblick über den Wissensstand zu verschaffen, ohne das individuelle Leid aus den Augen zu verlieren, ist sein besonderes Verdienst.

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  • Quellen
Gehirn und Geist 11/2008

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