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Gelungenes Einsteigerwerk

Wenn zwei Sternfreunde, die zugleich noch beim traditionsreichen Kosmos-Verlag in Stuttgart für Mediengestaltung beziehungsweise Astronomie zuständig sind, ein Buch zum Thema "Astronomie" schreiben, darf man Einiges erwarten – insbesondere hinsichtlich der populärwissenschaftlichen Darstellung. Mark Emmerich und Sven Melchert haben meine Erwartungen in diesem Punkt erfüllt. Es ist ein Buch herausgekommen, das inhaltlich viel bietet, schön gestaltet ist und verständlich geschrieben ist. Inhaltlich ist es auf neuesten Stand. Was will man mehr?

Die Zielgruppe sind eindeutig Einsteiger der Astronomie. Sie erfahren hier alles über die kosmischen Objektklassen, ihre Entstehung und Eigenschaften sowie die Methoden ihrer Beobachtung. Dabei werden sowohl der professionelle wie auch der amateurastronomische Aspekt beschrieben. Das großformatige Buch gibt viele Anregungen, selbst mit dem Fernrohr auf die Pirsch zu gehen und Planeten, Sterne, Nebel oder Galaxien aufzusuchen. Wer schon ein wenig Ahnung von der Materie hat, kann sich an der durchdachten Darstellung, sichtbar in der ausgewogenen Kombination von Text, Bild, Grafik und Tabelle, erfreuen. Hier zeigt sich die große Erfahrung der Autoren.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Im ersten, einführenden Teil geht es um die Weltraumforschung. Neben historischen Aspekten werden hier allgemeine physikalische Zusammenhänge und Untersuchungsmethoden vorgestellt. Das umfasst optische Astronomie, Radioastronomie und die Erkundung des Weltalls mit Satelliten und Raumsonden. Im zweiten Teil geht auf 70 Seiten um die kosmischen Objekte. Sie werden nach zunehmender Entfernung behandelt. Los geht es mit dem Sonnensystem. Meist wird ein Objekt (Sonne, Mond, Planet) auf ein oder zwei Doppelseiten dargestellt. Das ist übersichtlich und erleichtert den direkten Vergleich, etwa zwischen Venus, Erde und Mars. Dann folgen die Milchstraße und ihre Objekte: Sterne, Sternhaufen und Nebel. Dargestellt wird die Entwicklung von Sternen: von der interstellaren Materie bis hin zum Weißen Zwerg beziehungsweise der Supernova. Dann folgen "Galaxien und der Urknall". Es geht vom nahen Andromedanebel bis zu den fernsten Strukturen. Natürlich fehlen auch Schwarze Löcher, Dunkle Materie/Energie, Urknall und die (beschleunigte) Expansion des Universums nicht.

Der dritte Teil des Buchs ist der amateurastronomischen Praxis gewidmet. Auf 60 Seiten erfährt man alles über Himmelsphänomene und deren Beobachtung. Besonders gelungen sind die 12 ganzseitigen monatlichen Sternkarten. Die linke Seite bietet die notwendigen Erklärungen und stellt besondere Sternbilder und Objekte vor. Hier kann der Kosmos-Verlag natürlich aus dem Vollen schöpfen, schließlich gehen Bestseller wie "Welcher Stern ist das?" auf sein Konto. Im Kapitel "Die Welt der Hobby-Astronomen" werden wichtige Hinweise zu Fernrohren, Zubehör und Beobachtungstechniken gegeben. Alles ist zwar relativ knapp gehalten, es wurde nichts Wesentliches ausgelassen. Ein weiterer Schatz findet sich im Anhang: eine Liste deutscher Planetarien und Volkssternwarten. Darüber hinaus gibt es noch Literaturtipps und ein ausführliches Register.

Beim kritischen Lesen findet man allerdings auf den 180 Buchseiten auch die eine oder andere fachliche Ungenauigkeit sowie Schreibfehler respektive sprachliche Mängel – "nobody is perfect". So heißt es beispielsweise auf Seite 11: "Fachleute werden an dieser Stelle feststellen, dass an dieser Stelle das 6-m-Teleskop in Selentschukskaja nicht erwähnt wurde." Oder auf Seite 8: "Im englischen Sprachraum ist wird die Bezeichnung galaktischer Sternhaufen verwendet". Fachlich ist dagegen Folgendes bedenklich (S. 81): "Tatsächlich beobachtet man aber auch in Sternhaufen unterschiedlich alte Sterne." Das ist natürlich falsch: Alle Haufensterne sind (nahezu) gleich alt. Die Autoren meinen hier den unterschiedlichen Entwicklungszustand der Sterne (auf Grund der unterschiedlichen Masse), drücken sich aber missverständlich aus.

Ein kritischer Punkt im Buch ist die Kosmologie – insbesondere das Hubble-Gesetz. Mehrfach heißt es (z.B. S. 19 und 101), dass Hubble die Galaxienspektren selbst aufgenommen hat, die zu seinem berühmten Gesetz führten (Rotverschiebung proportional zur Entfernung). Diese Arbeit hatte bereits Vesto Slipher geleistet; Hubble bestimmte später die Entfernungen für 24 Galaxien. Dann der inkorrekte Begriff "Fluchtgeschwindigkeit". Es sollte allgemein bekannt sein, dass das Hubble-Gesetz die Expansion des Universums beschreibt: Es geht also um die Expansionsgeschwindigkeit und nicht um eine "Flucht" – also eine aktive Bewegung – der Galaxien. Trotzdem heißt es etwa auf Seite 98: "die größten gemessenen Rotverschiebungen deuten auf Fluchtgeschwindigkeiten von 90 Prozent der Lichtgeschwindigkeit hin".

Hier stand die Spezielle Relativitätstheorie Pate, was inkorrekt ist: Man muss Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie verwenden, die übrigens Expansionsgeschwindigkeiten jenseits der Lichtgeschwindigkeit erlaubt! Dann heißt es auf Seite 19: "Der Zusammenhang zwischen Rotverschiebung und Entfernung wird über die sogenannte Hubble-Konstante H ermittelt (weil sich deren Wert über die Jahre stark änderte, spricht man nun eher vom Hubble-Parameter)." In der Tat ist der Wert von H nicht konstant. Grund ist aber nicht, dass Experten "über die Jahre" verschiedene Werte vertreten haben, sondern die (reale) Abhängigkeit von der kosmischen Zeit! Deshalb schreibt man auch H0 für den momentanen Wert des Hubble-Parameters H(t). Auch mit dem Begriff der "Entfernung" haben die Autoren ihre Probleme. Mehrfach werden für extrem rotverschobene Objekte Abstände von 13 oder 14 Milliarden Lichtjahren genannt. Das unterstellt allerdings ein statisches Universum! Ein letztes Beispiel: Auf Seite 98 wird behauptet, dass mittlerweile "rund 2000 Quasare" entdeckt wurden. Der aktuelle Katalog (immerhin schon 2009 publiziert) enthält aber bereits 133 336!

Fazit: Auch wenn Emmerich und Melchert Probleme mit der Kosmologie haben (oder zumindest der Darstellung der Fakten), ändert das nichts an meinem Gesamteindruck. Sie haben ein wunderbares Buch vorgelegt, das ich jedem empfehlen kann, der Spaß an der Astronomie hat – sowohl theoretisch als auch praktisch. Wer vorhat in dieses Hobby einzusteigen, wird hier viel Nützliches erfahren. Durch die gelungene Art der Darstellung wird man sich der Faszination der Astronomie kaum entziehen können.

14. KW 2013

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 14. KW 2013

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