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Schwerer Brocken aus dem All

Astronomie auf 728 Seiten – das ist schon ein Brocken. Als Handbuch fast zu groß (wer hat solch große Hände?) und wohl auch nicht als Nachtlektüre oder in einer Beobachtungsnacht geeignet. Ein Nachschlagewerk eben, das unübersehbar im Regal steht und bei allen Fragen der Astronomie, von der Theorie bis zur Praxis, hervorgeholt werden kann.

Erik Wischnewski hat, beginnend mit Material aus Volkshochschulkursen, über viele Jahre astronomisches Wissen gesammelt und zur Verfügung gestellt. Diese enorme Fleißarbeit verdient großes Lob. Das Ergebnis "Astronomie in Theorie und Praxis" richtet sich, so mein Eindruck, vor allem an Hobby-Astronomen. Es ist kein Lehrbuch, denn dazu fehlt die didaktische Linie. Es dient eher – vergleichbar einem Lexikon – dem gezielten Lesen, der Suche nach Information, was durch ein detailliertes Inhaltsverzeichnis sowie ein umfangreiches Stichwortverzeichnis erleichtert wird. Darüber hinaus enthält das Buch einen üppigen Anhang mit Tabellen, Literatur und Kontaktadressen. Etwas Besonderes sind die Übungsaufgaben (mit Lösungen!), und es gibt sogar ein Kreuzworträtsel. Viele positive Elemente also – doch ergeben sie ein homogenes Ganzes?

Beginnen wir mit Teil I, der Theorie und damit der Einführung in die Astrophysik. Hier hat das Buch natürlich Konkurrenten, wie "Meyers Handbuch Weltall", "Der neue Kosmos" von Albrecht Unsöld und Bodo Baschek oder "Abriss der Astronomie" von Hans-Heinrich Voigt. Allesamt Klassiker, an denen schwer vorbei zu kommen ist, da sie präzise und nahezu fehlerlos den gesamten Bereich astronomischen Fachwissens abdecken.

Es ist eine altbekannte Tatsache (die vielleicht mit "Murphy" zusammenhängt), dass man gleich beim ersten Aufschlagen einen Fehler entdeckt. Ich las im Abschnitt über Astronomiegeschichte, dass das achromatische Fernrohr von "Dollmund" erfunden wurde, was natürlich "Dolland" heißen muss. So infiziert, forscht man weiter – und findet mehr. Immer wieder stolpert man über Ungenauigkeiten, Fehler, unklare Darstellungen oder schlicht Überflüssiges.

Es gibt eine Tabelle mit den "vier bedeutendsten Wechselwirkungen"; dort sind aber sechs aufgelistet – darunter die hypothetische "superstarke". Anschließend wird nebst Formeln deren "Reaktionszeit" diskutiert, und im Praxisteil(!) die Differentialgleichungen des Sternaufbaus auf 15 Seiten besprochen. All das halte ich für überflüssig. Denn im Gegenzug wird die Abkürzung für die Größenklasse, üblich sind mag oder m, nicht eingeführt. Der Leser erfährt ebenso wenig, dass sie sowohl für die scheinbare also auch die absolute Helligkeit verwendet wird. Irgendwann taucht dann einfach einmal ein hochgestelltes "m" auf.

Bedenklich ist auch der Abschnitt über "Kosmologie". Bei der Diskussion der Hubble-Konstanten H0 wird nicht erläutert, was der Index "0" bedeutet. Und dann die Tabelle über den Zusammenhang von Rotverschiebung (z) und Radialgeschwindigkeit: Es dürfte mittlerweile allgemein bekannt sein, dass die kosmologische Rotverschiebung kein "Doppler-Effekt" ist. Genau das wird aber hier suggeriert und gleich noch die Formel für den "speziell-relativistischen" Doppler-Effekt vorgestellt.

Der Kosmos ist nur lokal "speziell-relativistisch", und die Expansion (und damit z) ist kein kinematischer Effekt! Wenn aber schon Radialgeschwindigkeiten angegeben werden (zum Beispiel in Tabellen von Galaxien oder Galaxienhaufen), dann sollten diese zumindest vollständig sein – gleiches gilt für Hubbletypen. Die Lücken ließen sich mit modernen Datenquellen leicht füllen. Bleiben wir relativistisch: Gravitationswellen folgen hier aus der "allgemeinen Relativitätstheorie und der Feldtheorie von Albert Einstein". Gibt es da zwei verschiedene Theorien? Das ist jedoch noch lange nicht alles, doch ich will es bei dieser kleinen Auswahl belassen.

Kommen wir zu Teil II, der Praxis mit Anwendungen und Beobachtungshinweisen. Ein Konkurrent ist hier das altgediente "Handbuch für Sternfreunde", herausgegeben von Günther Roth. Bei modernen Themen, wie der CCD-Technik oder der PC-Astronomie, die bei Wischnewski behandelt werden, kann es natürlich nicht mithalten. Aber es gibt ja auch klassische Themen, die sich kaum verändert haben, wie etwa die visuelle Deep-Sky-Beobachtung. Anstelle der Aufsuchkarten (die es bei Erich Karkoschka viel besser gibt), hätte ich mir hier mehr Hinweise gewünscht, "wie" man beobachtet und nicht "was".

Außerdem zeigt sich die Vorliebe des Autors: Veränderliche Sterne werden auf 45 Seiten behandelt, dagegen müssen sich Doppelsterne, Sternhaufen, Galaxien und Nebel zusammen mit weniger als der Hälfte begnügen. Da bleibt dann unter anderem die Einführung des Positionswinkels bei Doppelsternen, eine sinnvolle Erklärung der Flächenhelligkeit bei Galaxien oder die Bedeutung der Austrittspupille (beides für die visuelle Beobachtung entscheidend) auf der Strecke.

Kurios ist, dass Galaxien unter dem Kapitel "Sternhaufen" behandelt werden.. Und merkwürdig ist manche Bezeichnung, so ist von "On-Edge"-Galaxien (anstatt "edge-on") die Rede. M 45 wird als NGC 1435 bezeichnet, das ist aber lediglich der "Merope-Nebel" in den Plejaden. Im Gegenzug wird unterschlagen, dass die Kleine Magellan'sche Wolke als NGC 292 katalogisiert ist. Bei den Abbildungen hätte ich mir zeitgemäßere Fernrohre gewünscht, auch M 51 gibt es sicher besser. Manche Skizze hätte man, ohne dass gleich größere Kosten entstehen, mit dem Computer sicher besser gemacht. Man merkt hier die Ursprünge des Buches.

Insgesamt entsteht der Eindruck, dass Hobby-Astronomen vielleicht keine so genauen Angaben brauchen. Umgekehrt gibt es wieder Stellen, die selbst Profis zu speziell sind; es fehlt eine gewisse Homogenität. Das betrifft auch die Auswahl und Strenge der Themen: Deren Folge erscheint nicht immer zwingend oder logisch. Auch ist die beabsichtigte Trennung zwischen Theorie und Praxis oftmals verwischt. Soll aber mehr als ein bloßes Lexikon entstehen, so ist eine klare Linie erforderlich, sonst besteht die Gefahr, dass das Ergebnis zusammengestückelt wirkt. Vielleicht ist das auch ein Problem des "Selbstverlages", zumal wenn mehrere Auflagen (und wohlwollende Rezensionen) den Blick des Autors auf das eigene Werk trüben. Hier fehlt die kritische Durchsicht eines unabhängigen sachkundigen Lektors.

Die guten Kritiken, mit denen sich das Buch in der Einleitung schmückt, haben sicher teilweise ihre Berechtigung. Ich hege aber den leisen Verdacht, dass die meisten Rezensenten das Buch – bei dem Umfang des Werks auch kein Wunder – nicht richtig studiert haben. Seine Stärke ist die Information, und es hebt sich durch den Praxisbezug von anderen Büchern ab. Der gute Gesamteindruck wird aber leider getrübt und daher sollte hier nachgebessert werden. Solange wird der Hobby-Astronom nicht auf die genannten Klassiker verzichten können – zumal mehrere dicke Bücher nebeneinander im Regal ja auch deutlich mehr Staat machen.
17.01.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 17.01.2007

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