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In ihrem Reich geht die Sonne nicht unter

Auch Schmetterlinge, Heuschrecken, Lachse, Meeresschildkröten, Fledermäuse, Lemminge und Antilopen legen in ihrem Leben große Entfernungen zurück. Doch das spektakuläre Naturschauspiel, das viele Milliarden ziehender Vögel rund um den Globus alljährlich aufführen, vermag auf besondere Weise zu faszinieren. Denn es liefert einige der aufwändigsten, spannendsten und gefährlichsten Szenarien zum Thema Tierwanderung. Ein internationales Expertenteam unter Federführung des britischen Ornithologen Jonathan Elphick hat die wichtigsten Erkenntnisse, die faszinierendsten Fallbeispiele und die größten Rätsel des Vogelzugs in einem Bildatlas zusammengefasst.

Viele Jahrhunderte lang erklärten sich die Menschen das herbstliche Verschwinden mancher Vogelarten und ihre Wiederkehr im Frühjahr mit den abenteuerlichsten Vorstellungen. So glaubten sie allen Ernstes, unsere Störche würden gemeinsam mit den Fröschen zum Winterschlaf im Moor versinken. Nach und nach konnte die Wissenschaft mit solchen Legenden aufräumen; revolutionäre Fortschritte gelangen ihr jedoch erst vor rund 100 Jahren durch die Beringung der Vögel. Inzwischen verfolgt man den Weg einzelner Tiere mit Hilfe von Minisendern und Satelliten. Und manchmal genügt bereits die chemische Analyse einer einzigen Feder, um Genaueres über die Winterquartiere und Durchzugsgebiete der zugehörigen Art zu erfahren. Heute wissen wir: Die Hälfte aller Vogelarten sind Zugvögel – und jede Wanderung ist einzigartig.

Dieser Bildatlas listet in seinem Anhang die Zugrouten von über 500 Arten auf. Ausführlich besprochen werden allerdings im Hauptteil nur etwas mehr als 100 von ihnen – insofern nämlich ihr Zugverhalten exemplarischen Charakter hat oder bemerkenswerte Einzelheiten aufweist. Die Darstellung stützt sich auf eine Vielzahl größerer und kleinerer Textblöcke, ergänzt durch rund 300 farbige Bilder, Karten und Diagramme.

Beinahe ein Viertel des Bands dient der einführenden Klärung grundlegender Fragen: Wie haben sich die komplexen Zugmuster, die wir heute beobachten, überhaupt entwickelt? Wie gelingt es Vögeln, Jahr für Jahr solch gewaltige Entfernungen zurückzulegen, ohne dass sie sich verirren oder an Erschöpfung zu Grunde gehen? Woher kennen sie die Richtung ihres Flugs, und wie können sie dessen Dauer einschätzen?

Die heutigen Zugmuster sind maßgeblich vom Vordringen und Zurückweichen eiszeitlicher Gletscher, aber auch von der Kontinentalverschiebung beeinflusst worden. Wie viel Zeit solche Anpassungsprozesse in Anspruch nehmen, zeigt etwa der Steinschmätzer (Oenanthe oenanthe), dessen Zugroute sich pro Jahr um rund einen Kilometer verschiebt – und dies seit fast 10 000 Jahren.

Die enormen Strecken bewältigen die Vögel durch ein fein abgestimmtes Gefüge morphologischer und physiologischer Anpassungen einschließlich des Verhaltens. Dies betrifft vor allem Flugtechniken und Energiebilanzen, aber auch die Fähigkeit, sich auf tages- und jahreszeitliche Rhythmen einzustellen, ohne zugleich die Flexibilität gegenüber der aktuellen Situation zu verlieren.

Das zentrale Thema des Vogelzugs lautet jedoch Orientierung und Navigation. Und so bietet die Erläuterung der Frage, woher denn nun Vögel eigentlich ihre Zugrichtung und Zugdauer kennen, besonders spannende Einblicke in den aktuellen Stand der Forschung. Allein schon die Vorstellung, dass Vögel den magnetischen Nordpol höchstwahrscheinlich mit Hilfe von Magnetitkristallen im Schnabel wahrnehmen können, vermag Laien wie Experten zum "Abheben" zu verführen. Auch wenn nun Magnet-, Sonnen- und Sternenkompass vor allem auf Grund genetischer Vorgaben funktionieren, so haben Vögel doch nicht einfach einen "Autopiloten" eingebaut. Ganz ohne "Handsteuerung " erreicht kein Vogel sein Ziel. Irgendetwas gibt es immer über Zugrouten, Zugbarrieren oder Rastplätze zu lernen.

Die eigentlichen Highlights dieses Buchs bilden indes die überall eingestreuten Beschreibungen herausragender Zugleistungen. Hierzu gehören etwa die 3000 Kilometer langen Nonstop-Flüge des Schilfrohrsängers (Acrocephalus schoenobaenus) und die Höhenflüge der Streifengans (Anser indicus), die den Himalaja in bis zu 9000 Meter Höhe überquert. Unerreichte Rekordhalterin aller Langstreckenzieher ist die nordeuropäische Küstenseeschwalbe (Sterna paradisea): Sie legt, zwischen arktischem Brutgebiet und antarktischem Winterquartier pendelnd, pro Jahr rund 40 000 Kilometer zurück. So werden manche der im Mai von skandinavischen Ornithologen beringten Vögel bereits im nachfolgenden Februar auf dem antarktischen Festland gesichtet. Kein anderes Lebewesen auf Erden erlebt mehr Tageslicht; denn an beiden Standquartieren geht während des Aufenthalts der Küstenseeschwalbe die Sonne nicht unter.

Man erkennt unschwer, dass Großbritannien die Heimat der Autoren und die Vorgeschichte der Arktis ihr Lieblingsforschungsthema ist. Aber sie nehmen durchaus auch einen globalen Standpunkt ein und widmen sowohl den nordamerikanischen Zugvögeln als auch denen der Südhalbkugel eigenständige Kapitel.

Wer nun nach allem, was er über Zugvögel erfahren hat, den Zug gern aus eigener Wahrnehmung erleben möchte, dem verrät das Buch die weltweit wichtigsten Orte ("Hotspots"), an denen sich Zugvögel in größerer Zahl beobachten lassen.

Für Verdruss beim Lesen sorgt einzig die extrem kleine Schrift mancher ergänzender Textblöcke. Nicht jeder, der sich für Ornithologie interessiert, hat Augen wie ein Adler. Der übersichtliche thematische Aufbau, die elegant formulierten Texte, die verständlichen Grafiken und die betörend schönen Bilder machen diese so umfassende und zugleich so kompakte Darstellung zu einer der besten, die in den letzten Jahren zum überaus komplexen Thema "Vogelzug" erschienen sind.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 3/2010

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