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Der Weg des Menschen

Passt unsere Umwelt noch zu unserem Körper? fragen sich die Mediziner Peter Gluckmann und Mark Hanson in ihrem Buch "Aus dem Tritt geraten". Oder hat der Mensch seine Umwelt in so hohem Maße verändert, dass die Evolution nicht mithält und deshalb bestimmte Krankheiten zunehmen?

Diese Fragen waren den beiden während ihrer Studienaufenthalte in Afrika und im Himalaja gekommen. Dort stellten sie fest, dass es in Teilen der Bevölkerung durch eine jodarme Umwelt zu Kretinismus und anderen gesundheitlichen Problemen gekommen sein musste. Es entstand ihre Theorie einer steigenden Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten in einer Umwelt, die das Risiko für genau diese Krankheit steigen lässt. Jahrelang forschten sie in ihren Labors in Auckland beziehungsweise Southampton.

Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie nun in einem Buch über Eignung und Fehleignung des Menschen. Um zu erläutern, wie die Gene den Körperbau beeinflussen, machen sie in dem Wissenschaftsschmöker einen gut verständlichen Exkurs in die Genetik und die Evolutionsgeschichte des Menschen. Zugleich machen sie bewusst, welche Änderungen das Leben von der Steinzeit über die Entwicklung der Landwirtschaft bis zum Alltag in den Städten schon erfahren hat. Im Gegensatz zu früheren Jahrhunderten, müssen die Menschen zum Beispiel nur noch wenig körperliche Arbeit leisten. Es haben sich andere zwischenmenschliche Beziehungen entwickelt, ebenso wie neue Nahrungsmittel oder Krankheiten aufgetaucht sind.

Die Autoren beschäftigen sich im Folgenden mit dem individuellen Weg, den der Einzelne seit der Empfängnis zurückgelegt hat, und betonen, dass die Entwicklung sich auch nach dem Informationsaustausch mit der Umwelt richtet. Der Mensch habe unterschiedliche Veranlagungen und sei unterschiedlich gut in der Lage, sich mit seinen biologischen Eigenschaften auf die Umwelt einzustellen. "Schon geringe Änderungen der Umwelt können sich auswirken, je nachdem wann sie sich im Leben ereignen", schreiben Gluckmann und Hanson.

Vor allem im Mutterleib nimmt der Embryo zahlreiche Signale auf, die sich später auf Stoffwechsel und Entwicklung auswirken. Übergewicht, Diabetes und andere Krankheiten sollen sich ofttmals darauf zurückführen lassen. Sogar nach der Geburt kann die chemische Struktur der DNA noch abgewandelt werden, wodurch manche Gene unterschiedlich an- und abgeschaltet werden. Kein Wunder, dass es in dem komplexen Wechselspiel zwischen Genen, Umwelt und Entwicklungsprozessen leicht zu einem Missverhältnis kommt. Je größer dieses Missverhältnis, desto höher seien die Kosten, die der Mensch zu tragen habe. Sie gehen deshalb auch darauf ein, wie Menschen in einer zum Ungünstigen hin veränderten Umwelt zurecht kommen. Sie fragen, inwieweit man sich anpassen und noch fortpflanzungsfähig sei. Alternativ könnte der Mensch die Umgebung verändern oder in eine besser geeignete auswandern…. Doch wo liegen die Grenzen? Was ist der Preis?

Dank der vielen anschaulichen Beispiele aus dem Tierreich und dem menschlichen Dasein kann der Leser gut folgen – etwa wie eine bestimmte Schlangenart unterschiedlich große Kiefer entwickelt, je nachdem ob in der Umgebung große oder kleine Beutetiere leben. Erwähnt werden auch Aspekte aus der menschlichen Entwicklung: Es kann beobachtet werden, dass unterernährte Mütter oft kleine Babys zur Welt bringen. Handelt es sich um eine Tochter, sind deren Kinder mit größerer Wahrscheinlichkeit später ebenfalls klein. Hanson und Gluckmann machen die Gefahren bewusst, die unserem verlängertem Leben in einer schnelllebigen Zeit entstehen. Sie verweisen aber auch auf mögliche Lösungen: Die Lebensweise verändern, für verbesserte Aufklärung und medizinischen Betreuung sorgen. Insofern keine Apokalypse, sondern eine interessante, neue Sichtweise, über die man durchaus nachdenken sollte.

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