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Das Imperium schlägt zurück

Was kann schwieriger sein, als einen Klassiker zu besprechen? Alles scheint schon gesagt – und meistens in Form fünfstimmiger Jubelchöre "Der Stryer!", das spricht für sich. In etwa so wie der dreizackige Stern auf der Motorhaube eines Autos. Doch Technik und Wissensstand in der biologischen Chemie schreiten unaufhörlich fort. So muss sich nicht nur eine neue automobile Modellreihe dem Vergleich mit ihren eigenen Vorgängern und den Modellen der Konkurrenz stellen; dies gilt auch für die Neuauflage eines Maßstäbe setzenden Standardwerkes.

Im Verlaufe von fünf Auflagen ist Stryers Lehrbuch der Biochemie tatsächlich zum Klassiker, ja beinahe zur Legende geworden. Das bringt unweigerlich die Gefahr der Erstarrung zum Klischee mit sich. Manches althergebrachte "Standardlehrbuch" verleitet mehr durch Mythologisierung immer neue Studentengenerationen zum Kauf als durch die Qualität von Inhalt und Aufmachung. Auch Helden altern und die junge Konkurrenz drängt nach. Ist der Stryer nach nach seiner vierten "Häutung" so verjüngt, dass er sich weiterhin als Platzhirsch behaupten kann?

Als Stryers Lehrbuch in den siebziger Jahren auf dem Markt erschien, war es tatsächlich revolutionär. Halb so dick, aber doppelt so modern wie seine Konkurrenz, erregte es eine Menge Aufsehen und erntete den verdienten Erfolg. Weniger Stoffwechsel, mehr molekulare Genetik als die Mitstreiter, dazu bessere Abbildungen und elektronenmikroskopische Fotos. "Quadratisch, praktisch, gut!". Schon die zweite Auflage hatte den handlichen Neuling zum Wälzer mutieren lassen, den man mit der Sackkarre von der Buchhandlung abholen musste. Dabei ist es bis heute geblieben.

Was als erstes auffällt, ist die Tatsache, dass auch der "Stryer" nicht mehr nur der "Stryer" ist. Um die erdrückenden Flut neuer biochemischer Erkenntnisse kanalisieren und sie lehrbuchgerecht verdauen zu können, hat sich Lubert Stryer Mitstreiter ins Boot geholt. Die Wachablösung ist also im Gange; sie wird sicherstellen, dass uns "der Stryer" auch in der Zukunft – in welcher Form auch immer – erhalten bleiben wird.

Das Werk lässt keinerlei Bevorzugung oder Schwerpunktbildung in Bezug auf bestimmte biochemische Systeme (Tiere, Pflanzen, Mikroben) erkennen. Wie seit eh und je ist "der Stryer" auch weiterhin ein Allround-Lehrbuch der Biochemie für Lernende und Wissbegierige aus allen Disziplinen (Biologie, Chemie, Medizin, Veterinärmedizin, Ernährungswissenschaft, Pharmazie, Forstwissenschaft, u.a.m.), das die allgemeinen Prinzipien betont. Gleichwohl finden an vielen Stellen vertiefte Diskussionen eingehend untersuchter Modellsysteme statt. Das Hämoglobin zum Beispiel ist als Modellprotein seit der ersten Auflage dabei.

Das Schwergewicht der modernen Biochemie liegt auf der Erforschung der biologischen Makromoleküle, und zunehmend von supramolekularen Aggregaten solcher Polymere. Die Grenzen zur Zellbiologie und zur Physiologie sind längst verschwommen. Es ist daher überraschend und erfreulich zu sehen, dass sich die Autoren in dieser Neuauflage gewissermaßen auf das biochemische "Kerngeschäft" besonnen haben und eher den Stoffwechsel als die populäre Molekularphysiologie betonen. Es gibt nur drei Kapitel über Spezialthemen wie molekulare Aspekte der Immunologie und sensorische Systeme – nicht zuletzt eine Remineszenz an Lubert Stryers wichtige Beiträge auf diesem Gebiet.

Trotz des immer noch explosiven Wissenszuwachses in der biologischen Chemie haben es die Autoren verstanden, den Umfang des Buches nicht inflationär anschwellen zu lassen. Mit unter zwölfhundert Seiten ist es "noch handhabbar", also für examensgeplagte Studenten zu bewältigen (und niemand, auch kein Professor, weiß "aus dem Hut" alles, was im Stryer steht!). Der Stil ist nüchtern und klar wie eh und je, und wie es sich für ein ordentliches Lehrbuch gehört. Das gleichberechtigte Nebeneinander von Text und Abbildung, das den Stryer von Anbeginn an ausgezeichnet hat, wurde als bewährtes Konzept selbstredend beibehalten. Die Kapitelenden enthalten gut gefüllte Listen mit weiterführender Literatur sowie jeweils eine Anzahl von zum Teil durchaus kniffligen Aufgaben, an denen der Lernende sein Wissen und sein Verständnis testen kann; mit der Gefahr, dass bei der derart provozierten Herausforderung die noch zu füllenden Lücken um so deutlicher zutage treten. Das aber ist der Zweck solcher Übungen. Damit der sich gegebenenfalls einstellende Frust nicht gar zu groß wird, sind am Ende des monumentalen Werkes die Lösungen zu finden.

Die Übersetzung wie die Produktion der deutschen Ausgabe ist tadellos. Das schrille Pink der Überschriften wird man wohl als "hip" bezeichnen müssen. Unter dem Strich lässt sich sagen, dass auch nach fünf Auflagen "der Stryer" noch "der Stryer" ist. Obwohl es am Gipfel nicht mehr so einsam ist wie das Sprichwort es zu wissen glaubt und jeder, der "den Stryer" nun partout nicht mag, gleichwertige Alternativen findet, ist der ehemalige "junge Wilde" – zur unumstößlichen Autoriät gereift – gesund und munter. Wünschen wir ihm ein langes Leben: Viva Stryer!

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