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Hat die embryonale Zelle eine Würde?

Die rasante Entwicklung der Biotechnologie nötigt uns zu einer Auseinandersetzung mit den Chancen, den Risiken und der moralischen Bewertung der neuen Möglichkeiten. Wie ist die Forschung mit adulten und embryonalen Stammzellen moralisch zu bewerten? Ist therapeutisches und reproduktives Klonen sittlich zu rechtfertigen? Welche rechtlichen Grenzen sollte der Gesetzgeber bezüglich eugenischer Maßnahmen beschließen? Sind die visuelle und die genetische Präimplantationsdiagnostik (PID) moralisch verwerfliche Formen der Diagnose?

Dieter Birnbacher, Professor für Philosophie in Düsseldorf und seit Jahrzehnten einer der führenden deutschen Moralphilosophen, hat in dem vorliegenden Band seine wichtigsten bioethischen Artikel seit 1990 zusammengefasst. Dabei umfasst "Bioethik" insbesondere auch Tier- und Umweltethik. Dem langen Zeitraum zum Trotz haben die angesprochenen Probleme nicht an Aktualität und Brisanz verloren.

Manche der ursprünglich in Fachzeitschriften publizierten Artikel sind für den Laien eher schwierig zugänglich, für das Fachpublikum dagegen unerlässliches Grundlagenmaterial. Das gilt insbesondere für die drei Artikel des ersten Teils "Grundlegende Fragen der Bioethik". Birnbacher erörtert abstrakte, theoretische Fragen wie etwa das Verhältnis von Ethik und Bioethik und das angemessene Verständnis der Begriffe "Person" und "Menschenwürde". In "Welche Ethik ist als Bioethik tauglich?" thematisiert er auf hervorragende Weise das Verständnis der Bioethik, das Verhältnis von Ethik und Bioethik, die Methodik der Angewandten Ethik sowie die Möglichkeiten der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Ethik.

In den weiteren Teilen "II. Naturbegriff und Ökologie", "III. Um Leben und Tod" und "IV. Kontroversen der Medizinethik" bewegt sich Birnbacher zwar, seinem wissenschaftlichen Rang entsprechend, auf einem intellektuell anspruchsvollen Niveau, jedoch sind seine Ausführungen auf Grund ihrer klaren Struktur und ihrer pointierten Formulierungen durchaus nachvollziehbar.

Birnbacher argumentiert stets auf der Basis seiner Variante des Utilitarismus: Handle so, dass die Gesamtsumme des zu erwartenden Nutzens maximal wird, wobei alle Folgen deines Handels mit zu berücksichtigen sind (Spektrum der Wissenschaft 1/2005, S. 102). Diese konsequentialistische Ethik ist nicht ohne Alternative. Nach der Deontologie haben Menschen die Pflicht, sich für und gegen bestimmte Handlungen zu entscheiden. Für Tugendethiker stehen nicht die Handlungen im Fokus der Bewertung, sondern die Eigenschaften des Handelnden. Beiden Ethiken kommt es nicht primär auf die Folgen des Handelns an.

In "Das Stammzellgesetz – ein Fall von Doppelmoral?" beschreibt und kritisiert Birnbacher auf treffende Weise die Biopolitik in Deutschland. Einerseits ist die offizielle deutsche Position von rigorosen Grundhaltungen geprägt. So hat Deutschland die Bioethikkonvention des Europarats noch nicht unterzeichnet, weil der Schutz von einwilligungsunfähigen Personen und von menschlichen Embryonen hinter dem Niveau des deutschen Rechts deutlich zurückbleibt.

Viele Politiker deuten das hochrangige Prinzip der Menschenwürde so, dass menschliches Leben niemals nur als Mittel zum Zweck genutzt werden dürfe und dass das Menschsein mit der Verschmelzung von Ei und Samenzelle beginne. Zudem seien der Begriff der menschlichen Würde und auch die Intensität des Schutzes in gleicher Weise auf das ungeborene menschliche Leben wie auf den geborenen Menschen anzuwenden. Aus dieser Position ist das Verbot der PID in Deutschland ohne Weiteres nachzuvollziehen, denn dabei werden dem Embryo totipotente Zellen entnommen. Da sich aus ihnen noch ein ganzer Organismus entwickeln kann, seien sie als ungeborenes menschliches Leben aufzufassen und müssten daher ebenso geschützt werden wie der geborene Mensch.

Andererseits haben wir in Deutschland eines der liberalsten Abtreibungsrechte der Welt. Diese widersprüchliche Situation ließe sich, so Birnbacher, durch die Aufhebung des strengen Prinzips der Menschenwürde auflösen. Es sei eine attraktive Lösung, zwischen einer starken Form von Achtung für alle geborenen Menschen und einer schwachen Form von Achtung für vorgeburtliches menschliches Leben zu unterscheiden.

Ich halte diesen Vorschlag grundsätzlich für sinnvoll und in die richtige Richtung weisend, obwohl ich es für unerlässlich halte, die normativen Implikationen noch wesentlich feingliedriger zu unterteilen. Es ist zu überdenken, ob die entscheidenden Einschnitte nicht eher an Fähigkeiten festzumachen sind als an dem Geburtsprozess oder ob zumindest in manchen Übergangsbereichen beide Kriterien zu berücksichtigen sind.

Klarheit, Präzision und profundes Wissen fallen in allen Artikeln Birnbachers auf. Der Leser gewinnt einen fundierten Einblick in die jeweilige Fragestellung, da Birnbacher zumeist den state of the art referiert, bevor er seine eigene Position darstellt. Obwohl er auf einem hohen philosophischen Niveau argumentiert (ein kurzer, nicht erläuterter Verweis auf das Zwei-Ebenen-Modell ist für den Uneingeweihten kaum nachvollziehbar), sind seine Beiträge mit gehöriger Bemühung durchaus zugänglich. Für das Fachpublikum sind sie von großem Interesse, da sich in ihnen ein präziser Denker ohne poetische Worthülsen, und ohne etwas unhinterfragt zu lassen, zu brisanten Fragestellungen äußert.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 4/2007

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