Direkt zum Inhalt

Biologische Persönlichkeitsforschung

Mit der Entwicklung aufwändiger Messtechniken zur Untersuchung pharmakologischer, physiologischer und molekulargenetischer Zusammenhänge kann sich die Psychologie jetzt vielleicht einen alten Traum erfüllen: Aus biologischen Gegebenheiten kann auf Persönlichkeitsmerkmale, das Befinden und Verhalten von Menschen geschlossen werden. Die Idee, Körper und Psyche in einen solchen kausalen Zusammenhang zu bringen, ist alt. Bereits in der Antike versuchte Hippokrates einen Zusammenhang zwischen Körpersäften und Temperamentseigenschaften herzustellen. Die Phrenologie schloss später aus morphologischen Merkmalen – zum Beispiel aus der Kopfform – auf geistige und seelische Prozesse. Heute wird die Untersuchung der somatischen Grundlagen des Befindens und Verhaltens unter dem Dach der biologischen Persönlichkeitsforschung zusammengefasst. Ziel dieser Forschungsrichtung ist die Identifizierung biologischer Marker für die psychiatrische und Persönlichkeitsdiagnostik.

Die beiden am Fachbereich Psychologie der Universität Gießen tätigen Herausgeber Jürgen Hennig und Petra Netter legen mit ihrem Buch "Biopsychologische Grundlagen der Persönlichkeit" eine umfassende Darstellung dieser jungen und interdisziplinär geprägten Forschungsrichtung vor. In sechs Hauptkapiteln wird jeweils ein biologisches System (etwa Nerven-, Neurotransmitter- oder endokrines System) in Bezug auf die Persönlichkeitsdimensionen Extra-/Introversion, Neurotizismus/Ängstlichkeit und Psychotizismus sowie in Bezug auf die Intelligenz behandelt. Somit sind zwei Lesarten möglich: Bei Interesse an einem biologischen System kann kapitelweise vorgegangen werden. Möchte man Informationen über das biologische Korrelat der Depressivität als Bestandteil der Dimension Neurotizismus, so liest man den entsprechenden Abschnitt aus jedem Kapitel.

Jedes Kapitel beginnt mit einer Einführung in das jeweilige biologische System – mal gut verständlich und ausführlich, mal fachbegriffslastig und detailreich. Nach einem Einführungskapitel widmet sich Kapitel 2 dem Zusammenhang zwischen Verhaltensdispositionen und zentralnervöser Aktivierung, wie sie mittels EEG oder bildgebender Verfahren gemessen werden kann. Im dritten Abschnitt wird die Bedeutung dreier Neurotransmittersysteme für die Ausprägung von Persönlichkeitsmerkmalen diskutiert. Hier wird jedoch über eine Vielzahl von psychopharmakologischen Originalarbeiten berichtet, für deren Verständnis pharmakologische Grundkenntnisse von Nutzen sind.

Das vierte Kapitel befasst sich mit dem Hormonsystem und der Persönlichkeit. Persönlichkeitsrelevante Hormone sind etwa das häufig mit dem Stresserleben in Verbindung gebrachte Kortisol und die Geschlechtshormone. Am Beispiel der Beziehung zwischen Persönlichkeit und Herz-Kreislauf- beziehungsweise elektrodermaler Aktivität widmet sich Kapitel 5 der Rolle des vegetativen Systems. Kapitel 6 fasst die wenigen bisher verfügbaren Befunde zum Zusammenhang zwischen Immunsystem und Persönlichkeit zusammen. Im letzten Teil des Buchs werden nach einer lehrreichen Einführung in die Verhaltensbiologie Ergebnisse aus verhaltens- und molekulargenetischen Untersuchungen berichtet.

Mit einer differenzierten Annäherung an den komplexen Gegenstand richtet sich das Buch an eine fachkundige Leserschaft. Einfache Antworten – beispielsweise auf die Frage nach der Rolle des Östrogenspiegels bei der Entstehung des prämenstruellen Syndroms oder zur Vererbbarkeit von Ängstlichkeit – sucht man daher vergeblich. Auch eine ausführliche Abhandlung von Persönlichkeitstheorien bietet das Buch bewusst nicht, sondern verweist gezielt auf Grundlagenliteratur.

Schade ist, dass der spannende und sorgfältig aufbereitete Inhalt nicht ansprechender vermittelt wird. So lässt die formale Gestaltung einiges zu wünschen übrig, die Grafiken sind meist zu klein geraten und bisweilen nicht entzifferbar.

Trotz dieser Mängel sei das Buch all jenen zum Kauf empfohlen, die schon entsprechende Vorkenntnisse besitzen und ein umfassendes deutschsprachiges Nachschlagewerk suchen. In dieser Kategorie dürfte das vorliegende Buch derzeit einzigartig sein.

Schreiben Sie uns!

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Zuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Zuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmende sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Zuschriften können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnerinhalte