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Gewalt im Namen Gottes

Clermont, 18. November 1095 – vor einer gewaltigen Menschenmenge hält Papst Urban II. eine flammende Rede: Die Christen im Heiligen Land hätten schwerste Unterdrückungen durch Muslime zu ertragen. Jeder treue Diener der Kirche sei aufgerufen, die heilige Stadt Jerusalem von der Herrschaft der Ungläubigen zu befreien. Spontan brechen die Zuhörer in Beifallsrufe aus: "Deus lo vult" – "Gott will es!", skandieren sie. Zum Zeichen, dem Aufruf des Papstes Folge zu leisten, heften sie sich eilig Kreuze aus Stoffstreifen an die Kleidung. Die Idee der bewaffneten Pilgerzüge, denen sich in der Folgezeit Tausende von heiligen Kriegern anschlossen, war geboren.

Ein derartiger Waffengang widersprach natürlich dem christlichen Gebot der Nächstenliebe, war aber von höchster Stelle sanktioniert. Schon im 4. Jahrhundert hatte der Kirchenvater Augustinus die antike Idee vom gerechten Krieg in "christlichem" Sinn modifiziert: Ein solcher sei am ehesten zu billigen, wenn er im Auftrag Gottes geführt werde.

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Dieser Artikel stammt aus epoc 3/2012
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In seiner kenntnisreichen und sehr anschaulich geschriebenen Monografie beleuchtet der Historiker und Journalist Cay Rademacher Hintergründe, Verlauf und Wirkungsgeschichte des Ersten Kreuzzugs. Er zeigt auf, wie der Kreuzzugsgedanke seit dem Investiturstreit den schwelenden Konflikt zwischen geistlichen und weltlichen Machthabern in Europa verdeckte. Er beschreibt die bunte Schar der Teilnehmer − hochadelige Ritter, fromme Kirchenmänner, Abenteurer −, die unter dem Banner des Kreuzes und mit dem Schwert in der Hand ins Heilige Land zogen. Zudem analysiert Rademacher ihre Beweggründe, die weitaus profaner waren, als uns die zeitgenössischen Quellen weismachen wollen. Und nicht zuletzt erfahren wir, welche Auswirkungen das blutige Treiben der "Soldaten Christi" auf die Zeitgenossen in Orient und Okzident hatte.

Wie stark die Kreuzzugsidee bis in unsere Gegenwart hineinwirkt, zeigen etwa George W. Bushs Worte vom "Kreuzzug gegen den Terrorismus" nach 09/11 sowie Äußerungen islamistischer Hassprediger, die zum "Kampf gegen den säkularen Kreuzzug des Westens" aufrufen.

Rademacher hat mit seinem Buch eine erhellende Darstellung eines düsteren Kapitels abendländischer Geschichte vorgelegt, das der Autor auch als eine Ursache für die bis heute tiefe Kluft zwischen christlicher und muslimischer Welt verständlich macht.

34. KW 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 34. KW 2012

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