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Körperwelten der anderen Art

Body-Modification – was ist das? Ist Body-Modification die "freiwillige massive Selbstbeschädigung im Kontext einer modernen westlichen Jugendsubkultur"? So jedenfalls wurde es auf der 78. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin gesehen. Nein, erklärt Erich Kasten in seinem Buch. Body-Modification umfasst einen viel weiteren Bereich. Es ist jedwede willentlich herbeigeführte Veränderung des eigenen Körpers – sei es Haareschneiden, Rasieren, Schlankheitskuren oder Bodybuilding.

Ausführlich und verständlich beschreibt der Autor die verschiedensten Arten von Body-Modification und beleuchtet Ursachen und gesundheitliche Folgen ebenso wie rechtliche Gesichtspunkte. Kasten stellt unzählige Techniken vor, mit deren Hilfe der Körper verändert werden kann: Tätowierungen, Piercings, Skarifizierung, Branding, Cutting, Implantate, Nähte, Beschneidung, Kastration, Hoden- und Schamlippenverlängerung oder Spaltung von Körperteilen. Körperveränderungen wie Tätowierungen und Piercings sind und waren zu allen Zeiten in allen Kulturen verbreitet. Aber es wird deutlich: Body-Modification kann extreme Formen annehmen. "Narben sind Objekte der Schönheit und der Stärke, so sehe ich das. Ich habe den Sturm überlebt und jetzt ist da eine Markierung, um das zu beweisen", erklärt eine Frau mit Schmucknarben auf ihrer Haut. Andere verspüren einen unüberwindbaren Drang, sich selbst zu verletzen – sei es Zähne zu schleifen, Genitalien zu verstümmeln oder sich selbst zu amputieren.

Die Grenzen zwischen Normalität und Störung sind offenbar fließend. Wer würde eine kieferorthopädische Behandlung fehlgestellter Zähne als krankhafte Tat ansehen? Aber wie sieht das Ganze bei spitz zugefeilten oder schwarz gefärbten Zähnen aus? Auf diese Frage gibt Kasten keine Antwort. Dies gilt für viele der von ihm beschriebenen Formen körperlicher Veränderungen. So ist der Frage, was eigentlich noch normal ist, nur ein kurzes Kapitel von sechs Seiten gewidmet. Es ist auch nicht einfach, eine Antwort zu finden, da dies sehr stark vom subjektiven Standpunkt abhängt.

Andererseits recherchiert Kasten äußerst gründlich: Anhand von mehreren hundert Fallbeispielen werden die Motive der Betroffenen analysiert und zu aktuellen Forschungsergebnissen aus der Medizin in Beziehung gesetzt. Über 140 Fotos illustrieren den Text, ein Teil auch aus Randbereichen wie Extrem-Intim-Piercing bei Frauen und Männern. Bei seiner Analyse der Motivation unterscheidet Kasten nicht zwischen den unterschiedlichen Formen der Body-Modification. So gewinnt der Leser die wichtige Erkenntnis: Völlig verschiedene Arten von Body-Modification wie Fasten oder Selbst-Auspeitschung können dasselbe Motiv haben – ein religiöses. Andererseits können ähnliche Formen der Body-Modification unterschiedliche Motive haben. So sind Piercings und Tattoos nicht immer nur Schmuck, sondern bedeuten für viele Träger auch rituelle Magie.

Dass irgendwann einmal die Grenze zum Krankhaften überschritten wird, machen die letzten Kapitel deutlich: Menschen können süchtig werden, ihren Körper zu verändern. Und diese Sucht ist besonders gefährlich, wenn sie darin besteht, den eigenen Leib zerstören zu wollen. Das kann tödlich sein.
15.09.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 15.09.2006

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