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Mit Grips unterhalten

"Braintertainment" – das klingt nach Neurowissenschaften light, angereichert mit allerlei künstlichen Aroma- und Süßstoffen, um das Lesefutter dennoch schmackhaft zu machen. Doch im Gegenteil: Das Ganze (ent-)hält mehr, als es verspricht. Ein Menü wird gereicht, mit 17 Gängen an der Zahl, und die meisten sind exquisites Futter fürs Hirn – vollwertig, ohne zu beschweren. Mit viel Humor und Witz gewürzt ist das Buch ein leichter Genuss. Titel taugen eben nur teilweise.

Zu Beginn nimmt Wulf Bertram, Arzt, Psychologe und wissenschaftlicher Leiter des Schattauer-Verlags in Stuttgart, den Laien mit auf einen "Rundgang durch die Hirnlandschaft". Wer mehr wissen will, kann sich an kommentierten Literaturangaben orientieren. In der "Kleinen Neuroterminologie" wird man nicht mit einer Vokabelliste vom Ammonshorn bis zur Zirbeldrüse gelangweilt, sondern darf dem Terminologen bei der Arbeit über die Schulter schauen – und sich von der Begeisterung des Autors Axel Karenberg mitreißen lassen. Der entdeckt in den Bezeichnungen für Gehirnstrukturen einen "riesigen kulturhistorischen Speicher". "Strukturähnlichkeiten zwischen der aus Ziegeln gemauerten Gewölbedecke, dem fornix, und der gekrümmten Abdeckung der mittleren Hirnkammer führten zum Fornix cerebri", schreibt der Professor vom Kölner Institut für Geschichte und Ethik der Medizin. Viele Begriffe stammen aus dem Alltag, so zum Beispiel das Cingulum (Gürtel), das Putamen (Schale) und das Frenulum (Zügel).

Den "Humor ernst genommen" hat Barbara Wild von der Psychiatrischen Universitätsklinik Tübingen. Das Witzige am Witz ist, dass er häufig dort steckt, wo man ihn nicht vermutet – und das gilt auch für das Gehirn: Ein "Humorgebiet" scheint es dort nicht zu geben.

Dem großen Thema "Glück" widmet sich einer der Herausgeber des Buchs persönlich, der populäre Ulmer Psychiater und Publizist Manfred Spitzer. Wer das Kapitel liest, wird glücklich sein – ob der neuen Denkanstöße und gewonnenen Einsichten. Weshalb die glücklich machen? Weil Glück auch heißt, dass etwas eintritt, das besser ist als erwartet. Aber leider ist der Mensch offenbar nicht dafür ausgelegt, dauerhaft glücklich zu sein, sondern vielmehr, beständig danach zu streben. Wer Erinnerungen voll Glück behalten will, dem empfiehlt Spitzer, eine alte Regel zu beherzigen – freilich auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse: "Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören."

Geweckt werden Erinnerungen, gute wie schlechte, oft durch Gerüche und Geschmäcker. Der Erzähler in Marcel Prousts Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" taucht seine Madeleine in Lindenblütentee und so selbst ab in die Kindheit, in der er dieses Gebäck jeden Sonntagmorgen auf diese Weise verspeiste. Die Autoren des lesenswerten Beitrags über das Wie und Warum des Geruchssinns liefern auch gleich "das morphologische Korrelat für das Phänomen: die direkte Verbindung des Riechkolbens mit dem Hippocampus", jener Hirnstruktur, die für die Langzeitspeicherung von Gedächtnisinhalten eine entscheidende Rolle spielt.

Mehr sehens- als lesenswert ist das kurze Kapitel über optische Täuschungen – aber schauen Sie selbst!

Im "Epilog" kommentiert der Frankfurter Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen jeden Artikel auf komische Weise. Ein Beispiel: Die tägliche Routine verändert unser Hirn. Er selbst verbringe beruflich bedingt so viele Nächte in Hotels, dass er schon vor seinem eigenen Bett gestanden und sich gewundert habe, weshalb auf seinem Kopfkissen keine Schokolade liege.

Ist dieses Lesefutter eher dem Laien oder dem Kenner der Neuroforschungs- und Psycho- Szene zu empfehlen? Sicherlich können nur Letztere mit dem ironischen Beitrag über die "finite Varianz" (Kapitel 14) oder der Satire über die Psycho-Szene (Kapitel 16) etwas anfangen. Da kommt dem Erzähler aus einer Langeweile heraus die Idee zu einer neuen Körperpsychotherapie. Er entwickelt die "transkranielle Mandelkern-Massage" – und reüssiert, obwohl er weder eine besondere Indikation noch empirische Belege für die Wirksamkeit des Verfahrens vorzuweisen hat. Die Patienten rennen ihm auch so die Praxistüren ein. Als "Mandeldoktor" wird er ein reicher und bei der Presse gefragter Mann.

Mit dem Mandelgeschmack im Mund bleibt das 17-Gänge-Menü in angenehmer Erinnerung, wenig war fad und ist deshalb schnell vergessen. Und von Hirschhausens gelungener Nachtisch lässt mir das ganze Buch schmackhaft erscheinen.

Der Schluss prägt die Erinnerung. So ist das eben mit dem Gehirn.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 3/2007

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