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»Land der Wölfe«: Wölfe im Blickpunkt

Der Naturbeobachter José Ramón de Camps Galobart hat über das schon oft behandelte Thema »Wolf« geschrieben. Lesenswert ist sein Buch dennoch. Eine Rezension.
Zwei Wölfe

Lohnt es noch, über Wölfe zu schreiben? Zahlreiche Forscherinnen und Forscher haben sich bereits mit dem Tier, das in den vergangenen 20 Jahren in einigen Regionen Deutschlands wieder heimisch geworden ist, befasst.

Doch der Autor von »Land der Wölfe«, José Ramón de Camps Galobart, ist kein Biologe, sondern unter anderem Jäger und Naturbeobachter. Zudem stammt er aus Spanien: Im Norden der Iberischen Halbinsel leben schätzungsweise zwischen 2000 und 3000 Wölfe und damit eine der größten Populationen Westeuropas. Dabei handelt es sich um den Iberischen Wolf, eine Unterart, die im Gegensatz zu anderen Vertretern nie ganz ausgerottet war und seit September 2021 in Spanien streng geschützt ist, also nicht mehr wie früher bejagt werden darf.

De Camps Galobart geht, neben Ausführungen zum Sozialverhalten der Tiere, auf die Situation dieser Wölfe ein. Dadurch gelingt es ihm, das Thema aus einer weniger bekannten Perspektive zu beleuchten.

Imagewandel, der nicht ohne Probleme verläuft

So berichtet er von einem alten Aberglauben, wonach der Blick der Wölfe schädlich sei und einem Menschen vorübergehend die Stimme rauben könne, wenn das Tier ihn zuerst ansehe. Je nach Region existierten verschiedene Variationen der Erzählung: In La Cabrera wurde Hirten empfohlen, Frauen nicht anzuschauen, da diese bei einem Blickkontakt mit dem Tier während eines Herdenangriffs deren bösen Zauber weitergeben könnten. In Zamora ging man indes davon aus, dass ausgestellte Wolfskadaver im Dorf die Husten und Heiserkeit hervorrufende Krankheit »lobao« übertragen können.

All diese Mystifizierungen, schreibt de Camps Galobart, zeugen von einem zwiespältigen Verhältnis zum Wolf: Einerseits sei er in ganz Europa – wohl teilweise auch aus Furcht – verehrt, andererseits bis zu seiner Ausrottung verfolgt worden.

Mittlerweile hat sich das Image des Tiers in einigen Kreisen geändert. So zeigt sich vor allem die Stadtbevölkerung inzwischen aufgeschlossen gegenüber dem Wolf, obwohl sie im Alltag meist kaum mit ihm in Berührung kommt. Aus Sicht des Arten- und Naturschutzes spielt der Wolf eine wichtige Rolle in der Regulierung bestimmter Arten, wodurch andere Tiere und Pflanzen die Chance erhalten, sich wieder in ihren Lebensräumen auszubreiten.

Doch vor allem in ländlich geprägten Regionen, in denen die Menschen stärker von natürlichen Ressourcen abhängig sind und direktere und manchmal auch schädliche Begegnungen mit Wölfen haben, herrscht teilweise ein anderes Bild vor. Der Historiker Utz Anhalt, der einen Gastbeitrag zu dem Buch beigesteuert hat, spricht sich für einen effektiven Weidetierschutz und ein aktives Monitoring der in Deutschland und Spanien lebenden Wölfe aus, um eine Koexistenz mit den Raubtieren zu ermöglichen. Kompromisse zwischen Ökologie, Landwirtschaft, Jagd und Naturschutz zu finden, das ist nach de Camps Galobarts Ansicht notwendig; und es bedeutet, dass jeder dieser Bereiche einen Teil seiner Ansprüche aufgeben muss.

Optisch ist »Land der Wölfe« durch die im Original beschrifteten und meist im Anhang übersetzten Zeichnungen sehr ansprechend. Schade ist jedoch, dass José Ramón de Camps Galobart auch die Quellen nur im Anhang nennt. Das erschwert es an manchen Stellen, den Inhalt des Buchs zu prüfen. Etwas kurz kommen zudem die persönlichen Erfahrungen des Autors mit Wölfen, die »Land der Wölfe« eine einzigartige Note verleihen und von einer großen Faszination für die Tiere zeugen.

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