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Lob einer Wissenschaftsdisziplin

Hitzeschilde von Raumfahrzeugen, Flugzeuge und Smartphones haben etwas gemeinsam: Sie nutzen die Eigenschaften von Fasern. Bei Hitzeschilden sind Glasfasern in ein Harz eingebettet, brennen daher nur langsam ab und halten deshalb extrem hohe Temperaturen aus. Flugzeuge hingegen profitieren von Verbundmaterialien aus Kunststoffen und Kohlenstofffasern: Diese machen sie stabil und trotzdem leicht. Die Hüllen vieler Smartphones schließlich sind vor Brüchen geschützt, da ihre besonders starken Fasern eigentlich für schusssichere Westen entwickelt wurden. Anhand solcher eingängigen Beispiele macht die Wissenschaftsjournalistin Hayley Birch viel Lust auf Chemie und erklärt quasi nebenbei viele fachliche Grundlagen.

Birch schreibt für die Fachzeitschrift "Nature", aber auch für populärwissenschaftliche Titel wie "New Scientist" und "Guardian". Im vorliegenden Buch widmet sie sich Schlüsselkonzepten der Chemie. Ihr Ziel: Sie möchte das Fach von dem Vorurteil befreien, der "Underdog" der Naturwissenschaften zu sein. Die Autorin hat genug davon, dass Chemie als Disziplin gilt, in der "Leute mit übelriechenden Dingen im Labor herumfummeln". Gegen dieses Vorurteil anzukämpfen, gelingt ihr in 50 aufschlussreichen Kapiteln ziemlich überzeugend. Sie startet bei chemischem Grundwissen und arbeitet sich zügig vor bis zu verschiedenen Zukunftstechnologien.

Hippies, Eiswürfel und Leichenbeseitigung

Wichtige Begriffe wie Atom, Isotop, Kristall, Säure, Base erklärt Birch auf erfrischende Weise und mit ungewöhnlichen Beispielen. Den Zusammenhalt von Metallatomen beispielsweise beschreibt sie als Hippie-Kommune, die sich die Elektronen gemeinschaftlich teilt. Eiswürfel aus schwerem Wasser (mit Deuteriumisotopen) lässt sie im Cocktailglas untergehen, und im Kapitel über Säuren teilt sie einen – freilich schwachen – Seitenhieb gegen die bekannte TV-Serie "Breaking Bad" aus. Flusssäure würde sich nicht schnurstracks durch den Badezimmerboden fressen oder augenblicklich eine Leiche zersetzen, wie das in der Serie vorgeführt werde, schreibt sie – ohne allerdings konkreter zu werden.

Großen Raum gibt Hayley der angewandten Chemie in Gegenwart und Zukunft. So erklärt sie die Funktionsweise eines 3D-Druckers und erläutert, mit welchen Chemikalien er funktioniert. Sie skizziert den Aufbau künstlicher Muskeln und umreißt, welche Erkenntnisse die computergestützte Chemie liefern kann. Medizinisch interessant sind die Kapitel über Lab-on-a-Chip-Technologien, die es unter anderem möglich machen, mit Mikrochips schnell und mobil auf Herzinfarkt, Ebola- oder HIV-Infektionen zu testen. Zudem thematisiert die Autorin, welche chemischen Verbindungen im Blut Neugeborener die Massenspektrometrie aufspüren hilft, um Erbkrankheiten zu identifizieren und diese frühzeitig zu behandeln.

Birch schafft es, sämtliche 50 Themen auf je vier Seiten verständlich zu behandeln und das Interesse an ihrem Fach mit spannenden Geschichten zu wecken. Dabei bindet sie die Lebensgeschichten vieler Forscher ein. Zitate von Wissenschaftlern und Künstlern dienen der Auflockerung, Zeitleisten bringen die diversen Entdeckungen in einen Zusammenhang. Fachlich tiefergehende Hintergrundinformationen liefert die Autorin manchmal direkt im Text, manchmal in separaten Infoboxen. Kritisieren kann man, dass sich die Übersetzung bisweilen zu wenig vom englischen Duktus löst.

"50 Schlüsselideen Chemie" lässt sich allen Interessierten empfehlen. Leser mit Vorkenntnissen dürften überrascht sein angesichts der prägnanten Erklärungen und der anschaulichen Beispiele. Und Chemiemuffel werden hier zahlreiche Aha-Erlebnisse haben.

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