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Mythos Babylon

Knapp zwei Jahrtausende lang war die Stadt Babylon das kulturelle Zentrum des Vorderen Orients. Dieses Buch liefert einen Abriss jener Zeit.

Babylon: Der Name steht für Dekadenz und Hedonismus ebenso wie für Megastadt, Vielsprachigkeit oder ein unbestimmtes Sehnen nach dem Orient. Die europäische Perspektive darauf ist geprägt von der biblischen Tradition und den Schriften griechisch-römischer Autoren. Der mythische Turmbau zu Babel, der zur Sprachverwirrung führte und die Menschen dazu verdammte, in vielen verschiedenen Zungen zu sprechen, ist eine der bekanntesten einschlägigen Geschichten aus dem Alten Testament. Viele wissen auch, dass Babylons berühmte »Hängende Gärten« in der Antike als architektonisches Wunder galten, und kennen das Ischtar-Tor, das man heute im Berliner Pergamonmuseum bestaunen kann. Doch die Geschichte der mesopotamischen Megacity ist noch weit vielfältiger.

Die Münchner Altorientalistin Karen Radner hat nun eine ebenso spannende wie fundierte Einführung in die Geschichte Babylons vorgelegt. Ihr (englischsprachiges) Buch ist in der Reihe »Short Histories« von Bloomsbury Academic erschienen, die kurze, leicht zu lesende und dennoch wissenschaftlich fundierte Abrisse verschiedener geschichtlicher Perioden bietet. Jedes Kapitel beleuchtet einen wichtigen Zeitabschnitt in den insgesamt knapp zwei Jahrtausenden, in denen Babylon die Politik und Kultur in Südmesopotamien und darüber hinaus bestimmte. Das Buch beschreibt, wie ein ehemals unbedeutender Stadtstaat zur vorherrschenden Territorialmacht aufstieg, immer wieder aber auch Machteinbußen hinnehmen musste – und wie Kultur, Religion und Alltagsleben sich unter den wechselnden Herrscherhäusern entwickelten. Die Autorin befasst sich mit den Regentschaften berühmter Könige wie Hammurabi sowie mit denen weniger bekannter Herrscher.

Erschwerte archäologische Untersuchungen

Radner würdigt zudem Persönlichkeiten nicht königlicher Abstammung, über deren Leben wir aus babylonischen Keilschrifttexten wissen. Da die tiefer liegenden archäologischen Schichten der berühmten Stadt auf Grund des hohen Grundwasserspiegels kaum oder gar nicht archäologisch erforscht werden können, sind diese schriftlichen Zeugnisse besonders für die ältere Geschichte Babylons die wichtigsten Quellen – was die Keilschriftexpertin Radner als Autorin prädestiniert.

Wie schon das Vorwort erklärt, behandelt das Werk die Stadt Babylon, nicht aber Babylonien oder Mesopotamien wie die meisten anderen Bücher mit ähnlichen Titeln. Das gibt der Autorin einerseits Gelegenheit, der faszinierenden Geschichte der Großsiedlung, ihrer Herrscher und Bauwerke Genüge zu tun. Andererseits führt es dazu, dass die unvermeidlichen Verweise auf Ereignisse, die sich außerhalb dieser urbanen Region abspielten, bisweilen verwirren. Interessierte ohne Vorkenntnisse in der Altorientalistik tun daher gut daran, den weiterführenden Literaturempfehlungen Radners, die sie ebenfalls im Vorwort gibt, zu folgen.

Die wenigen Übersichtskarten, die im Buch vorkommen, sind mit Informationen recht stark überfrachtet und daher schwer zu lesen. Zudem verweist der Text später immer wieder darauf, was wiederholtes Zurückblättern erfordert. Ein paar zusätzliche Detailkarten, die nur den jeweils interessierenden Aspekt abgebildet hätten, wären hier hilfreich gewesen. Im Allgemeinen liest sich das Werk jedoch flüssig und spannend und trifft den richtigen Ton, um sowohl Studierende, die gerade ins Thema einsteigen, als auch interessierte Laien zu erreichen.

Trotz wechselnder Dynastien und abwechselnder Phasen von Machtzuwachs und -schwund in Babylons Geschichte bleibt der rote Faden des Buchs immer klar erkennbar. Dabei ist Radners Schreibstil so unterhaltsam, dass man die Kapitelenden nicht als Gelegenheit wahrnimmt, die Lektüre zu unterbrechen. Obwohl die Autorin oft aus akkadischen Originaltexten zitiert, wirkt das Buch nicht überfrachtet mit Inschriftenkunde. Viele schöne Farbfotos illustrieren den Text.

Der Ruhm Babylons wirkte noch lange nach, selbst als die Stadt und ihre Paläste in hellenistischer Zeit aufgegeben worden waren – in mancher Hinsicht sogar bis heute. Für alle, die sich für die historischen Fakten hinter dem Mythos interessieren, ist »A Short History of Babylon« eine klare Leseempfehlung.

25/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 25/2020

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