»Aali muss los«: Wenn ein Aal große Augen bekommt
Aali lebt als schlanker, gelbbrauner Süßwasseraal im in Schleswig-Holstein gelegenen Nord-Ostsee-Kanal und hat ein Faible für knackig-würzige Posthornschnecken. Seine morgendlichen Runden dreht er mit seinem besten Freund Frank, einer loyalen Brasse. Sie sind Freunde fürs Leben. Und es ist der aufmerksame Frank, der als Erster merkt, dass mit seinem Kumpel etwas nicht stimmt und der sich irgendwie verändert: »›Sag mal, Aali, deine Augen sehen irgendwie komisch aus. Alles okay?‹ […] Aalis Augen sind tatsächlich größer als sonst. Viel größer. Und irgendwie … anders.«
Es gibt einige lesenswerte Bücher über Aale, die eher für Erwachsene geschrieben sind, etwa »Das Evangelium der Aale«. »Aali muss los« von Dita Zipfel und Finn-Ole Heinrich, illustriert von Nele Brönner, zeigt, dass sich Geschichten über Aale auch für Kinder hervorragend eignen. Die Zeichnungen von Nele Brönner visualisieren das dunkle, geheimnisvolle Leben dieses schlangenartigen Tiers auf wunderbare Weise. Die grünen, gelben und hellblauen Grundtöne der farbigen Seiten machen die Lichtwelt tief unter Wasser regelrecht spürbar. Die Blicke auf eine riesige gelbe Krabbe, einen aufgeregten weißen Höckerschwan, einen unheimlich schwarzen Wels oder auf das wuselige Leben in der Sargassosee zeigen, wie es in der Welt des Aals aussieht.
Aalis Geheimnis
Manchmal erscheinen einem die Seiten etwas zu dunkel, dann ist der Text teilweise schwer lesbar. Aber das passt doch wieder zum Leben des Aals, bei dem trotz intensiver Forschung ebenfalls noch vieles im Dunkeln liegt. So wurde beispielsweise das Geheimnis, wie genau sich Aale fortpflanzen, bis heute nicht gelüftet. Das muss es auch nicht, folgt man diesem Buch: »Weil diese Geschichte eine wahre Geschichte ist, gibt es ein Geheimnis. Und jetzt in diesem Moment, in dem Aali sich […] auflöst in das große Mysterium des Lebens, denke ich: Vielleicht ist das sein Geschenk an uns. Eine Lektion: Dass nicht alles verstanden werden muss.«
Tiere zu sehr zu vermenschlichen, ist oft verpönt. Dita Zipfel und Finn-Ole Heinrich gelingt dies allerdings überzeugend. Sie ergänzen die Erzählung vom Leben Aalis mit eingestreuten und erläuternden Kästen, die immer wieder eine gewisse Distanz schaffen. Darin präsentieren sie auf sehr unterhaltsame Weise wissenschaftliche Fakten etwa zu den vier Leben der Aale, erklären, was ein Gelbaal ist und wie Aale sich an Land bewegen, und beschreiben ihren Magnetsinn oder die Sargassosee, die Wiege der Aale.
Außerdem gelingt es dem Autorenduo ausgezeichnet, Kinder und Erwachsene in die Welt der Aale hineinzuziehen – indem die beiden ihre Leser auffordern, sich die Veränderungen der Tiere konkret vorzustellen. Wie ist das, wenn ein Aal wie Aali sich körperlich verändert? Wie wäre es, wenn wir Menschen das auch könnten? Wenn sich unser Körper anpassen könnte, wenn etwa Leistungsschwimmer meterlange Arme und Beine bekämen, mit Schwimmhäuten zwischen den Fingern. Bäckerinnen hätten vielleicht Mägen so groß wie Fußbälle, damit sie so viel probieren könnten, wie sie wollten. Und vielleicht hilft die Empathie gegenüber den Veränderungen im Leben eines Aals jungen Leserinnen und Lesern dabei, ihr Wachstum und ihre eigenen körperlichen Veränderungen, zum Beispiel in der Pubertät, besser zu verstehen.
Dita Zipfel und Finn-Ole Heinrich haben gemeinsam mit Nele Brönner ein wunderbares Buch über einen Aal geschaffen, über seine Freundschaften und darüber, wie er sich verändert, um sich fortzupflanzen. Es ist einfühlsam geschrieben, und seine Texte werden auch den Erwachsenen beim Vorlesen mächtig Spaß bereiten. Versprochen.
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