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Mehr Ach als Aha

"Wussten Sie schon?" Mit dieser Frage beginnt das vorliegende Buch. Sie hätte sich auch als Titel für das Werk angeboten, wenn der nicht schon vergeben wäre. Der Physiker und Wissenschaftsjournalist Hubert Filser fragt nach erstaunlichen Dingen im Alltag – etwa, wie Hausstaub entsteht, was Wolken wiegen und wie laut weihnachtliches Geschenkpapierknistern ist. Er erzählt kurze, anschauliche Episoden aus seinem eigenen Leben im Jahresverlauf, um die Leser auf die Überraschungen von Frühling, Sommer, Herbst und Winter einzustimmen.

Das Buch untergliedert sich nämlich entsprechend der Jahreszeiten in vier Teile. Schon auf den ersten Blick gut erkennbar heben sich die grünen Hintergrundillustrationen des Frühlings von den blauen des Winters ab; Orange steht für den Sommer und Braun für den Herbst. Solcherart nach Saisons sortiert geht der Autor auf verschiedene Fragen ein: Was sind die größten Meerestiere? Wie lange halten verschiedene Speichermedien? Woher kommen unsere Obst- und Gemüsesorten? Filser trägt all diese Informationen in übersichtlichen Infokästen zusammen. Noch mehr Daten, Zahlen und Rekorde stecken im Fließtext. Neugierige Leser haben sicher von dem ein oder anderen schon gehört, sei es zur Entstehung von Eiszapfen oder zur Geschichte des Oktoberfests.

Früher waren mehr Löcher

Doch Filser präsentiert auch Erkenntnisse, die wenig geläufig sind. Wissen Sie, um wie viel der Durchschnittsbürger über Weihnachten zunimmt? Welches die besten Plätze in der Achterbahn sind? Oder warum die Löcher im Emmentaler weniger werden? Die Lektüre beschert einem zahlreiche "Ach"-Momente: Ach, das gibt es auch? Zum Beispiel verknüpft der Autor eine Abhandlung über verschiedene Typen von Wolken mit Gedichten über deren Formenvielfalt. Nett ist zudem, wie er den ausbleibenden Sommer im Jahr 1816 mit kulturgeschichtlichen Ereignissen dieses Jahres assoziiert: der Entstehung von Mary Shelleys "Frankenstein" und des Texts von "Stille Nacht".

Letzterer taucht allerdings im Abschnitt über den Winter erneut auf, was eine konzeptuelle Schwäche des Buchs offenbart: Die Zuordnung der Inhalte zu den Jahreszeiten wirkt willkürlich. Dass Sand und Strände in den Sommer gehören, mag noch allgemeinen Erwartungen entsprechen. Aber nicht jede(r) geht zur Herbstzeit in den Bergen wandern. Und warum die Entstehung des Sonnensystems im Frühling angesiedelt ist, lässt sich überhaupt nicht mehr schlüssig nachvollziehen. Auch das Inhaltsverzeichnis bietet hier wenig Orientierung: Ein bis zwei Sätze reißen jedes Kapitel an, wollen aber mehr Aufmerksamkeit provozieren als erklären.

Der Druck kommt vom Druck

Als enttäuschend dünn gesät erweisen sich die echten "Aha"-Momente: Aha, so funktioniert das. Filser findet manchmal gute Analogien, etwa wenn er das Weiß des Schnees mit dem eines Häufchens Glassplitter vergleicht. Doch allzu oft reicht es ihm als Erklärung, genau das gleiche noch einmal mit dem jeweiligen Fachbegriff zu sagen, nach dem Schema: "Wasser strömt immer dorthin, wo eine höhere Salzkonzentration herrscht. Der Grund ist der aufgrund des verschiedenen Salzgehalts unterschiedliche osmotische Druck." Und so lesefreundlich es auf den ersten Blick sein mag, dem Publikum keine komplexen Formeln oder Grafiken zuzumuten: Die Molekülgeometrie in Schneeflocken oder der Sonnenlauf am Merkurhimmel wären visuell doch deutlich einfacher zu vermitteln gewesen.

Das Buch ist besser darin, Neugier zu wecken, als sie zu befriedigen. Zumal Filser keinen Hehl daraus macht, dass die Wissenschaft mitunter (noch) keine Antworten hat oder dass die Erklärung mancher Phänomene mehr Detailwissen erfordert, als der Band vermitteln kann. Hierfür hat der Autor immerhin ein Literaturverzeichnis zusammengestellt, das Zeitungsartikel, Bücher und Fachpublikationen auflistet. Zu den Youtube-Videos, die er im Text beschreibt, sind leider keine Links angeführt, sie lassen sich aber auch so leicht finden. Für alle, die das Buch zum Staunen angeregt hat, kann das Stöbern also gleich weiter gehen.

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