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Sieben Forderungen für die Welternährung

Der langjährige Leiter des weltweit größten Instituts für ökologische Landwirtschaft formuliert seine Gedanken zu nachhaltiger Ernährung für alle.

Wie können die zehn Milliarden Menschen sicher ernährt werden, die voraussichtlich in wenigen Jahrzehnten unsere Erde bevölkern? Als ich vor einigen Jahren auf der Biofach (der jährlichen großen Fachmesse der Bioszene) diese Frage eines konventionellen Landwirts hörte, implizierte er damit, ohne Einsatz von industriell hergestelltem Dünger und Pestiziden, Hochleistungssorten und rationalisierte Massentierhaltung gehe es nicht. Nach tiefem Durchatmen erläuterten die anwesenden Diskussionsteilnehmer ihr Konzept, wie dies durchaus mit 100 Prozent bio erreichbar sei.

Weniger Lebensmittelverschwendung und Fleischkonsum

Die damaligen Antworten finden sich auch im vorliegenden Buch des Schweizer Agrarwissenschaftlers Urs Niggli, insbesondere die immer wieder geforderte Reduzierung von Lebensmittelverschwendung und Fleischkonsum. Der Autor geht bei der Suche nach Lösungen jedoch über die altbekannten Bio-Wege hinaus. Niggli war drei Jahrzehnte lang Leiter des weltweit renommierten Forschungsinstituts für ökologischen Landbau FiBL, ansässig im schweizerischen Frick. Kaum im Ruhestand, hat er die gewonnene Zeit genutzt, zu einem der wichtigsten Themen der Landwirtschaft ein Buch zu schreiben.

Seine Thesen werden nicht jedem Bioenthusiasten gefallen. Eines der Buchkapitel heißt »Bio kann sehr viel, aber (leider) nicht alles«. Als »unverbesserlicher Positivist«, wie ein von ihm geschätzter Gesprächspartner ihn einmal nannte, lässt er vor allem Wissen gelten, das auf sinnlich wahrnehmbaren, überprüfbaren Befunden beruht – was im Biolandbau keinesfalls allgemeiner Konsens ist. Zudem stehen viele Vertreter der Bioszene manchen neuen Technologien kritisch gegenüber. Als Niggli 2016 in einem Interview die neue Gentechnikmethode CRISPR/Cas als auch für den Biolandbau interessant erklärte und darauf drang, man müsse jede Anwendung einzeln bewerten, erntete er einen Sturm der Entrüstung. Der Autor nahm schon damals kein Blatt vor den Mund und ließ sich in seinen Ideen nicht von weltanschaulichen Scheuklappen begrenzen.

»Alle satt?« bietet eine populäre Darstellung, ohne auf die wissenschaftlichen Fakten zu verzichten. Niggli – ganz Positivist – untermauert alle seine Ausführungen mit Ergebnissen der vielen Studien, die das FiBL unter anderem auf dem eigenen Versuchshof durchgeführt hat, sowie bedeutenden anderen wissenschaftlichen Arbeiten. Manche Resultate hebt er besonders hervor, etwa, dass biologische Lebensmittel tatsächlich einen messbaren gesundheitlichen Vorteil gegenüber konventionellen Produkten mit sich bringen. Er betont den Beitrag von Wiederkäuern zur globalen Ernährung und zum Naturschutz. Oder erklärt, weswegen man das Verbot der Abfallfütterung heute, lange Jahre nach dem BSE-Skandal, überdenken sollte. Schließlich stehe es einer ökologisch wünschenswerten Kreislaufwirtschaft entgegen. So trauert er den Schweinen auf dem FiBL-Versuchshof hinterher, die wegen dieser Vorschrift abgeschafft wurden.

Niggli lässt von Anfang an Biographisches und seine eigene Meinung deutlich einfließen. Er beginnt das Werk mit »Wie ich zum biologischen Landbau kam« gefolgt etwa von »Warum ich die moderne Landwirtschaft lobe«. Durch seinen Plauderton vermeidet er geschickt dröge Wissenschaftssprache ebenso wie belehrende Floskeln. Er erwähnt zwar die altbekannte Weisheit, dass wir unsere Ernährungsgewohnheiten ändern müssen, um die Ernährungssicherheit zu gewährleisten. Doch bei ihm klingt der Verzicht gar nicht so sehr nach Verlust, sondern eher nach genussvollen Alternativen. Und jetzt weiß auch jeder Leser, dass es im ersten Bezirk von Wien ein exzellentes veganes Restaurant gibt – in dem Niggli trotz aller Reklame immer noch keinen Rabatt bekommt.

Natürlich darf beim Thema Welternährung der Blick auf die große Politik nicht fehlen. Nachdem Niggli im Kapitel »It's the lack of democracy, stupid« die Schuld undemokratischer politischer Strukturen am Hunger dieser Welt anprangert, schließt er sein Buch mit einem Forderungskatalog von sieben Punkten. Diese reichen von politischem Eintreten für die »17 Sustainable Development Goals« (SDGs) der UNO und einer völlig veränderten Subventionspolitik über ökologische Buchhaltung (also die Einbeziehung der wahren Kosten für Lebensmittel) bis hin zum »Nudging« der Konsumenten, damit sie weniger Lebensmittel verschwenden und Fleisch konsumieren. Und natürlich findet sich auch der Punkt, Innovationen zu fördern und neue Technologien nicht zu fürchten – was zum Beispiel Gentechnik oder die nicht als »Bio« anerkannte Hydrokultur einschließe.

Mit gerade einmal 160 Seiten gibt das Buch einen leicht zu lesenden und interessanten Überblick zu einem der drängendsten Probleme der Menschheit. Warum der Verlag im Klappentext das Buch allerdings als eine lohnende Lektüre gerade für »Foodies und für alle, die gutes Essen schätzen« hervorhebt, bleibt unklar.

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