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Menschliche Fortpflanzung im Licht der Evolution

Ist Monogamie unsere natürliche Bindungsform? Warum haben menschliche Babys ein so üppiges Fettgewebe? Wozu dient die weibliche Menstruation? Im Kontext der Evolution beleuchtet der britische Biologe Robert D. Martin viele Fragen zur menschlichen Fortpflanzung, auf die sich nicht immer eindeutige Antworten finden lassen. Von der Bildung der Samen- und Eizellen bis zur Pflege des Nachwuchses: Der emeritierte Universitätsprofessor bringt Erkenntnisse aus Anthropologie, Evolutions- und Reproduktionsbiologie mit eigenen Forschungsergebnissen zusammen. Vor diesem Hintergrund diskutiert er auch aktuelle Themen wie die weltweit sinkende Spermienzahl bei Männern oder kuriose kommerzielle Angebote, etwa, weibliche Plazentas in Kapselform zu verzehren.

"Alles begann mit Sex" richtet sich an ein breites Publikum, insbesondere an (auch zukünftige) Eltern. Ob Methoden der Geburtenkontrolle oder die Dauer des Stillens – mit einem wissenschaftlich fundierten Verständnis für die Evolution des Fortpflanzungsverhaltens treffen Eltern für sich und ihre Nachkommen bessere Entscheidungen, zeigt sich der Autor überzeugt. Die Rückkehr zu einem Lebensstil, der sich an jenem unserer Primatenvorfahren orientiert, lehnt der Evolutionsbiologe jedoch ausdrücklich ab.

Breites Forschungsfeld

Das Buch ist in einfacher und verständlicher Sprache verfasst, inhaltlich jedoch sehr anspruchsvoll. In acht Kapiteln zieht Martin zahlreiche Studien heran, die sich mit der Fortpflanzung von Menschen und Tieren befassten. Untersucht wurden etwa die Reifung von Samenzellen, monatliche und jahreszeitliche Zyklen der Reproduktion, Paarungs- und Monogamieverhalten, Empfängnisverhütung, künstliche Befruchtung, Schwangerschaft, Stillen und Kinderbetreuung. Martin benennt sowohl widersprüchliche Ergebnisse als auch offene Fragen sowie typische Fallstricke wissenschaftlicher Untersuchungen. So lassen sich einige Erkenntnisse zur menschlichen Fortpflanzung aus ethischen Gründen nicht experimentell prüfen und können daher von unbekannten Störfaktoren beeinflusst sein.

Persönliche Anekdoten des Autors bereichern das Buch ebenso wie seine umfassende Sichtweise, die auch kulturwissenschaftliche Aspekte einbezieht. Unter anderem berichtet Martin mit satirischem Unterton von seiner Mitgliedschaft im Londoner "Tetrapods Club". Die Mitglieder dieses anfänglich exklusiven Männervereins benutzten in Sitzungen symbolisch den Penisknochen eines Walrosses als Hammer. Einen solchen gibt es bei Menschen nicht – beim Walross erreicht er mit mehr als 80 Zentimetern eine Rekordlänge unter den Säugetieren. Nicht ganz ernst zitiert Martin eine ominöse Studie dazu. Demnach soll Eva statt aus einer Rippe Adams aus dessen Penisknochen geformt worden sein; darauf weise die vollständige Anzahl an Rippen bei Männern hin sowie die Mehrdeutigkeit des hebräischen Wortes für "Rippe".

Die vielen Informationen und Quellen, die der Autor anführt, verschaffen dem Leser einen umfassenden Überblick über das Thema. Um Freude an dem Buch zu haben, sollte man Interesse für Wissenschaft und komplexe Biologie mitbringen. Als Ratgeber ist das Werk eher ungeeignet, doch es liefert fundiertes Hintergrundwissen, mit dem man Ratschläge besser einschätzen kann. Und sicherlich bereichert es auch den Biologieunterricht in der Schule.

10/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 10/2016

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