Direkt zum Inhalt

In 100 Jahren von 40 auf 80

Die Menschen, insbesondere in den westlichen Ländern, werden immer älter. An ihrem 30. Geburtstag hat eine heute 15-jährige noch um die 70 Jahre zu leben und für die Neugeborenen von heute ist ein Alter von 135 Jahren nicht mehr unrealistisch. Das sind die Vorhersagen des Niederländers Rudi Westendorp, der als Geriater und Professor für Medizin an der niederländischen Universität Leiden arbeitet. Sein lesenswertes Buch gibt Tipps, wie modernes Altern gelingen kann. Die kurzen Zusammenfassungen vor allen 13 Kapiteln sowie die klare Gliederung erleichtern den Überblick und stellen das Wesentliche heraus.

Westendorps wissenschaftliche Karriere begann mit der Frage, warum wir überhaupt altern. Um Antworten zu finden, verließ er die Medizin und begab sich in biologische Labore. Durch Untersuchungen an Süßwasserpolypen, Mäusen und anderen Tieren gelang es ihm, die Prozesse des Alterns, der Regeneration sowie der Evolution besser zu verstehen und miteinander in Beziehung zu bringen. Indem er immer wieder seine eigenen Erfahrungen als Forscher und Dozent einfließen lässt, verleiht er dem Buch eine persönliche Note.

Den Ausschlag gibt der evolutionäre Erfolg

Zunächst stellt Westendorp fest: Altern ist natürlich, aber deshalb noch lange nicht zwangsläufig. Die verbreitete Auffassung, der Prozess des Älterwerdens sei in dieser Form unausweichlich, stimmt so nicht. Potenziell sehr viel länger jung zu bleiben, wäre wohl möglich, doch aus evolutionsbiologischer Perspektive "lohnt" es sich nicht. Denn egal, wie lang die theoretisch mögliche Lebensdauer ist: Jedes Wesen stirbt früher oder später durch Infektionen, Fressfeinde, Konkurrenten, Verletzungen, Stress- beziehungsweise Mangelerscheinungen oder Parasiten. Vor dem Hintergrund der natürlichen Auslese lautet die wichtigste Lebensaufgabe deshalb, den Nachwuchs rechtzeitig in die Selbstständigkeit zu entlassen. Daher ist es für Organismen oft "zweckmäßig", die Fitness in der Jugend auf Kosten jener im Alter zu erhöhen, wohingegen es sich nicht auszahlt, den Selbsterhalt des Körpers endlos aufrechtzuerhalten. Diese Mechanismen verwehren uns ein deutlich längeres Leben.

Früher galten alte Menschen als erfahren und weise, heute müssen sie befürchten, isoliert im Heim zu vegetieren. Westendorp weist allerdings darauf hin, dass heutige Ältere nach dem Renteneintritt oft noch rund 20 Jahre bei guter Gesundheit genießen können; diese Zeit solle man gut nutzen. Auf das höhere Durchschnittsalter müssten sich die Renten- und Pflegesysteme, der Arbeits- und Wohnungsmarkt einstellen. Alle zehn Jahre bekommen wir laut dem Autor zwei bis drei gesunde Jahre Lebenszeit geschenkt, während sich die "kranke Zeit" aufgrund der Entwicklung der Medizin nach hinten verschiebt. Selbst Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Demenz ließen sich immer erfolgreicher behandeln: Ein Ende der Demenz-Epidemie sei bereits in Sicht.

Mit 75 in Rente

Dem Autor zufolge altern wir auf drei Ebenen: kalendarisch, also jeden Geburtstag um ein Jahr, biologisch sowie gesellschaftlich, indem wir ein bestimmtes Alter mit einem neuen Lebensabschnitt verbinden. Dank der Fortschritte in Hygiene, Medizin und Technik ist das biologische Alter mittlerweile deutlich weniger abhängig vom kalendarischen. Ein Fünfzigjähriger kann heute als "Spätjugendlicher" durchgehen. An diese Entwicklung, schreibt Westendorp, müsse das gesellschaftliche Alter angepasst werden: Berücksichtige man sie, ergebe sich heute ein Renteneintrittsalter von etwa 75 Jahren.

Multimorbidität (das Leiden an mehreren Krankheiten gleichzeitig) ist im hohen Alter immer noch ein verbreitetes Phänomen. Dennoch betont der Autor den Unterschied zwischen krank sein und sich krank fühlen, der vor allem Ärzten bewusst sein müsse. Das Wohlbefinden älterer Menschen hänge weniger von Krankheiten ab als von sozialen Kontakten und dem Gefühl, wie sehr man das Leben selbst in der Hand hat. Zufrieden zu altern, sei möglich, wie epidemiologische Erhebungen in den Niederlanden und anderen europäischen Ländern bewiesen haben.

Westendorps Buch zeigt, wie man "altern kann, ohne alt zu sein", und macht Lust auf ein langes, erfülltes Leben.

Kennen Sie schon …

Spektrum - Die Woche – Eine zweite Zeitdimension

Forscher haben mit einem Quantenprozessor eine neue Materiephase erzeugt, die eine zusätzliche Zeitdimension besitzt. Womöglich werden Qubits damit weniger fehleranfällig.

Spektrum Kompakt – Signale des Körpers

Wir kommunizieren auch ohne Worte - mit Blicken, Gesten, dem Klang unserer Stimme. Dabei verrät die Körpersprache manchmal mehr, als uns vielleicht lieb ist. Das weckt auch Interesse, solche Signale automatisch auszuwerten.

Spektrum der Wissenschaft – Wunderwerk der Antike

»Spektrum der Wissenschaft« erklärt im Artikel »Wunderwerk der Antike«, wie der rätselhafte Mechanismus von Antikythera funktionierte. Außerdem im Heft: Dunkle Materie; Altern: Demografischer Wandel mit Folgen; Quantencomputer: Fehler beheben, bevor sie entstehen.

Schreiben Sie uns!

1 Beitrag anzeigen

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Zuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Zuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmende sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Zuschriften können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnerinhalte