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Die Zukunft der Vergangenheit

Aus großer Höhe lassen sich frühere Bauwerke verblüffend gut erkennen.

Der Begriff »Space Archaeology«, also Weltraumarchäologie, klingt nach Sciencefiction. Gemeint ist die Analyse von Satellitenbildern und Laserlicht, das an Bodenstrukturen rückgestreut wird. Dank solcher Methoden können die Forscher bislang unentdeckte Strukturen unter der Erde erkennen. Die Ägyptologin Sarah Parcak ist eine der weltweit bekanntesten Koryphäen auf diesem Gebiet und hat schon an mehreren TV-Dokumentationen mitgewirkt. Dieses Buch, ihr erstes populärwissenschaftliches, gibt einen Überblick über die Geschichte und die Anwendungsmöglichkeiten der Satellitenarchäologie. Es ist aber auch ein persönlicher Erfahrungsbericht darüber, welche Erkenntnisse sich damit gewinnen lassen und wie diese selbst Fachleute bisweilen zum Staunen bringen.

Satellitenbilder, aufgenommen aus hunderten Kilometern Höhe, zeigen heute den Boden in so hoher Auflösung, dass Forscher darauf sogar Strukturen von weniger als 30 Zentimeter Ausdehnung sehen. Anhand subtiler Veränderungen, etwa im Pflanzenbewuchs, lassen sich so zum Beispiel die Grundmauern längst verschütteter Gebäude finden. Dadurch spüren Archäologen immer mehr Fundstätten auf, die bislang unbekannt waren.

Hilfreiche Spionagebilder

Ein weiterer Vorzug der Perspektive aus dem All: Sie zeigt, wie Fundplätze miteinander und mit der umgebenden Landschaft zusammenhängen. Archivierte Fotos des amerikanischen Spionageprogramms »Corona«, das während des Kalten Kriegs den Vorderen Orient aus dem Weltraum überwachte, bilden archäologische Strukturen ab, die heute infolge von Erosion, Trockenheit oder Zerstörung nicht mehr zu erkennen sind. Modernere Aufnahmen, etwa von »Google Earth«, dokumentieren überall auf der Welt die Zerstörung durch Raubgrabungen.

Den verschiedenen Anwendungen der »Space Archaeology« widmet die Autorin jeweils einen eigenen Abschnitt, manchmal ein ganzes Kapitel. Wie die meisten Archäologen ist sie eigentlich auf eine bestimmte Region und Periode spezialisiert, in ihrem Fall das pharaonische Ägypten. Doch ihre Expertise in der Weltraumarchäologie hat sie mittlerweile auch zu den Wikingern nach Island und Schottland, zu den Maya nach Belize und zu den ältesten Spuren der Menschheit nach Kenia geführt, um nur einige zu nennen. Auch andere Forscher wenden entsprechende Techniken an, um beispielsweise nach Spuren der amerikanischen Ureinwohner in den Mangrovensümpfen Floridas zu suchen oder um Fundplätze in Peru zu dokumentieren, bevor Plünderer sie entdecken.

Was Parcak und ihre Kollegen mit Hilfe von Satelliten gefunden haben, beschreibt sie mit einer Faszination, die auch nach etlichen Ausgrabungen unvermindert anhält. Dabei verschweigt sie nicht die Grenzen der neuen Techniken – stellt jedoch klar, dass wie bei den meisten Computerpannen auch hier der Fehler meist vor dem Bildschirm passiert.

Der Charme des Buchs liegt darin, dass die Autorin nicht nur einzelne neue Techniken vorstellt, die das Feld der Archäologie revolutioniert haben. Parcak erläutert auch, wie diese Methoden mit der klassischen Ausgrabung zusammenwirken, wie sich die Archäologie stetig weiterentwickelt und wie Archäologen von Daten zu Interpretationen kommen. Ihr persönlicher und humorvoller Schreibstil macht selbst die trockenen Seiten dieser Wissenschaft für Laien zugänglich. Auch die Ausgrabungsromantik kommt nicht zu kurz, sei es in Form von Erinnerungen an die ägyptische Wüste oder an die Wälder Neufundlands. Das Buch überzeugt als leidenschaftliches Plädoyer dafür, die Vergangenheit sowohl mit althergebrachten wie neuen Methoden zu studieren. Denn die Satellitenarchäologie hat gezeigt, dass noch etliche Fundstätten ihrer Entdeckung harren.

34/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 34/2019

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