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Lesevergnügen mit geringer Halbwertszeit

Journalist Rolf Kiesendahl nimmt Sprachwendungen unter die Lupe, gibt sich dabei allerdings schnell zufrieden.

Was macht Sprachbeherrschung aus? Spontan würde man antworten: akzentfreie Aussprache, korrekte Grammatik und ein möglichst umfangreicher Wortschatz. Manche Linguisten würden sagen, das sei es dann auch schon, und für alles andere brauche sich die Linguistik als Wissenschaft, die die Systemhaftigkeit der Sprache im Blick habe, nicht zu interessieren.

Doch kommt zumindest für praktische Zwecke noch eines hinzu, nämlich die Kenntnis von Redensarten. Also etwa das Wissen darum, dass die »Nervensäge« auf Italienisch nicht Nerven sägt, sondern Schachteln zerbricht (rompiscatole). Oder dass ein mäßig intelligenter Zeitgenosse im Französischen nicht das Schießpulver, sondern den Faden zum Schneiden der Butter nicht erfunden hat (il n'a pas inventé le fil à couper le beurre). Real existierende Sprachen verfügen über ein reiches Repertoire an Sprichwörtern, stehenden Metaphern, verfestigten Vergleichen – Wendungen, die sich eben nicht systematisieren lassen.

Freundlicher Klaps auf den Ritterhelm

Einige dieser Wendungen sind selbsterklärend. Dass es beispielsweise mühsamer ist, dicke Bretter zu bohren als dünne, kann sich auch denken, wer keine Schreinerlehre gemacht hat. Andere Redensarten bezeugen längst aufgegebene kulturelle Praktiken: »Auf den Putz hauen« entstammt der Zeit der Ritterturniere, und mit dem »Putz« war die Helmzier gemeint. Es kann sich auch um gesunkenes Kulturgut handeln; der Stoßseufzer »Mein lieber Schwan!« etwa entfährt selbst solchen Leuten, die keinerlei Affinität zu Wagner-Opern haben (in diesem Fall dem »Lohengrin«).

Bei manchen Ausdrücken wiederum lässt sich die Herkunft nicht mehr ermitteln, weil sie ihre Existenz einer einzigen, nicht mehr rekonstruierbaren Zufallssituation verdanken. »Ich habe fertig!« war schlicht falsches Deutsch, bis der Wutausbruch eines gewissen Herrn Trapattoni es als Redensart im deutschen Sprachgebrauch etablierte – aber nicht immer laufen Kameras mit, wenn jemand sich so stilbildend empört. Warum ein Debakel so heißt wie eine italienische Flasche (Fiasko), oder wieso man sich beruhigt zurücklehnen kann, wenn »Alles paletti!« gemeldet wird, hat sich jedenfalls bislang nicht zufrieden stellend klären lassen.

Mit derlei »Redewendungen und wo sie herkommen« beschäftigt sich der Journalist Rolf Kiesendahl in diesem Büchlein. Allerdings bleibt er die Aufklärung darüber, »wo sie herkommen«, oft schuldig. In dem ähnlich gestrickten Band »Mit Affenzahn über die Eselsbrücke« (2019, Rezension hier) hatte der Germanist Matthias Heine seine Leser immerhin mit gelegentlich überraschenden Beobachtungen entschädigt, wann und wo sich die jeweilige Redewendung erstmals nachweisen lässt. Rolf Kiesendahl dagegen gibt sich in seinem Werk schneller und manchmal wohl auch zu schnell zufrieden. Oft liefert er lediglich kurze Umschreibungen dazu, was die jeweiligen Redensarten bedeuten sollen. Diese sind zwar amüsant formuliert, manchmal aber auch etwas bemüht mit Beispielen aus der Tagespolitik hinterlegt. So verweist der Autor beim Stichwort »Griff ins Klo« auf Andrea Nahles' »Bätschi!«. Bei »Auf dem Holzweg sein« fällt ihm die vom Europäischen Gerichtshof kassierte Pkw-Maut ein, zu »Schuss in den Ofen« der Brexit. Solche Verweise bieten jenen, denen die Redensart geläufig ist, wenig bis nichts Neues.

Hätte man nicht erfahren, dass der Autor zum Hühnchen Zitronensoße schätzt (unter »Ich muss mit dir ein Hühnchen rupfen«) und zu Pfifferlingen Petersilie (unter »keinen Pfifferling wert«), wäre einem nichts Wesentliches entgangen. Liest man dann noch, vor dem Ankauf eines Gebrauchtwagens sei eine Probefahrt ratsam (unter »Die Katze im Sack kaufen«) und mit dem »Gelben vom Ei« sei der Dotter gemeint, dann liegt die Grenze zum Trivialen mindestens in Sichtweite.

Alles in allem ein Lesevergnügen mit leider nur geringer Halbwertszeit.

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