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Triumphe des Todes

Ökoromantiker verbinden Natur gern mit Harmonie. Blickt man zurück in die Erdgeschichte, erscheint das allerdings ziemlich absurd. Natur war und ist oft alles andere als harmonisch. So kam es in der Vergangenheit mehrfach zu Massenaussterben: Perioden, in denen der weltweite Artenschwund extreme Ausmaße erreichte. Im späten Perm etwa, vor rund 252 Millionen Jahren, verschwanden in weniger als drei Millionen Jahren bis zu 97 Prozent (!) der marinen wirbellosen Arten.

Gewiss sind solche Zahlen mit Fragezeichen behaftet. Sie hängen von den Unsicherheiten des Fossilbefunds und der Datierung ab. Zudem beziehen sie sich nur auf Arten, die fossile Spuren hinterlassen haben – über die anderen wissen wir nichts. Trotzdem ist klar: Irgendetwas Drastisches muss im Perm passiert sein. Das irdische Leben steckte damals in einer schweren Krise, stand vielleicht sogar ganz auf der Kippe.

Die großen Fünf

Norman MacLeod, Paläontologe am Natural History Museum in London, befasst sich in diesem Band mit den fünf bekannten Massenaussterben der Erdgeschichte. Er umreißt für jedes davon, wie es ablief, welche Ursachen ihm zu Grunde lagen, welche Organismengruppen es betraf und was für Folgen es hatte.

Für kundige Autoren wie MacLeod ist das eigentlich dankbarer Stoff. Ohne große Mühe können sie die Aufmerksamkeit eines breiten Publikums gewinnen. Umso erstaunlicher, wie wenig populär der Wissenschaftler sein Thema präsentiert. Nicht nur, dass er seine Leser hemmungslos mit Fachsprache konfrontiert, weitgehend ohne sich zu erklären. Er quält sie auch mit endlosen Schachtelsätzen, extremem Nominalstil und furchtbar umständlichen Formulierungen. Die Übersetzung mag ihren Anteil daran haben; sie könnte jedenfalls besser sein. Nach wie vor besteht kein zwingender Grund, den Strahlstrom als Jetstream zu bezeichnen und die Stoßwelle als Schockwelle.

Irdische Katastrophen

Man täte dem Buch trotzdem Unrecht, würde man es als schlecht bezeichnen. MacLeod hat Interessantes mitzuteilen, und wenn er sich in den hinteren beiden Buchdritteln mit vergangenen Erdzeitaltern und längst ausgestorbenen Lebewesen befasst, geht davon fraglos Faszination aus. Es ist spannend zu erfahren, dass sich die großen Aussterbeereignisse mehr oder weniger ohne extraterrestrische Einflüsse erklären lassen – ob im späten Ordovizium (vor 444 Millionen Jahren), Devon (vor 360 Millionen Jahren), Perm (vor 252 Millionen Jahren), der späten Trias (vor 200 Millionen Jahren) oder Kreide (vor 66 Millionen Jahren). Die damaligen ökologischen Krisen, so die These des Autors, entstanden vermutlich, weil irdische Faktoren unglücklich zusammentrafen. Dazu gehörten Änderungen des Meeresspiegels, Vereisungen, tektonische Vorgänge, Vulkanismus, Klimaschwankungen, Veränderungen von atmosphärischen und ozeanischen Zirkulationsmustern, marine Sauerstoffarmut.

MacLeod geht zudem auf außerirdische Faktoren ein, insbesondere den großen Meteoriteneinschlag in der späten Kreide, der den Chicxulub-Krater hinterließ. Er äußert begründete Zweifel daran, dass dieser Impakt das damalige Artensterben allein verursachte. Das Aufprallereignis habe vielmehr eine bereits krisenhafte Situation weiter destabilisiert, schreibt der Paläontologe. Ebenfalls erhellend sind seine Betrachtungen kleinerer Aussterbeereignisse in den zurückliegenden 65 Millionen Jahren.

Sechstes Massenaussterben?

Dass wir heute ein anthropogenes "sechstes Massenaussterben" erleben, wie vielfach behauptet wird, kann der Autor nicht bestätigen. Solche Thesen beruhten ausnahmslos auf Extrapolationen kleiner Datensätze, die sich auf vergleichsweise kurze Zeitintervalle oder begrenzte Regionen beziehen oder von Organismen stammen, die fossil eher schlecht vertreten sind. Daher ließen sie sich kaum mit dem Fossilbefund vergangener Aussterbeereignisse vergleichen. Man wisse schlicht zu wenig, um die Tragweite des derzeitigen Artenschwunds einzuschätzen. In dem Zusammenhang stellt MacLeod verschiedene Methoden vor, um künftige Aussterberaten abzuschätzen.

Das Buch ist üppig bebildert und mit Grafiken versehen. Es fehlt ihm jedoch eine zentrale Übersicht über alle besprochenen Zeitabschnitte. Und das Glossar, immerhin vorhanden, erklärt nur wenige der verwendeten Fachbegriffe.

Alles in allem präsentiert sich "Arten sterben" als Werk aus kompetenter Hand, das leider viel von seinem Potenzial verschenkt. Das ist schade, hat der Autor doch Substanzielles beizutragen – speziell wenn es darum geht, den anthropogenen Artenschwund mit erdgeschichtlichen Krisen zu vergleichen.

14/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 14/2016

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