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Von Könner bis Quacksalber

Experten sind anscheinend allgegenwärtig. Kaum eine Nachrichtensendung, Talkshow, Sportübertragung oder Dokumentation, in der nicht Terrorismus-, Wirtschafts-, Börsen- oder Sportfachleute zu Wort kommen. Sie erklären Hintergründe, Zusammenhänge und wagen Prognosen. Fitness-, Ernährungs- und Glücksexperten raten uns, wie wir unser persönliches Wohlbefinden steigern können. Die Medien geben ihnen gern ein Podium und beeinflussen damit die Meinungen der Bürger. Doch wer kommt hier eigentlich zu Wort, wer erhält das Etikett "Experte"? Benötigen wir solche Menschen wirklich, oder spiegelt ihre Präsenz unsere Überforderung in einer immer komplexer werdenden Welt?

Diesen Fragen geht das vorliegende Buch nach. Es entstand in einer Kooperation des Verlags mit dem Studiengang für Angewandte Literaturwissenschaft der FU Berlin und versammelt 16 Beiträge. Die Autoren stammen aus so unterschiedlichen Bereichen wie Journalismus, Philosophie, Politikwissenschaft oder Verlagswesen. Seltsamerweise haben es nur 15 Beiträge ins Inhaltsverzeichnis geschafft – der 16., ein Text über Expertentum im Fußball, wurde offensichtlich übersehen.

Vertrauensvorschuss

Harald A. Mieg, Professor für Forschung und Innovation an der FH Potsdam, zeigt in seinem Beitrag: Experten sind besonders dann gefragt, wenn die Unsicherheit in einem Fachgebiet groß ist. Das trifft auf Finanzkrisen und Terroranschläge ebenso zu wie auf Sportereignisse, deren Ausgang für das Publikum ungewiss ist. Experten erscheinen denjenigen, die ihre Analysen und Empfehlungen in Anspruch nehmen, verantwortungsbewusster und vertrauenswürdiger als beispielsweise Computersysteme, die möglicherweise genauso treffende oder sogar bessere Analysen liefern.

Dass Fachleute in den Medien geradezu inflationär auftreten, lässt sich dem Journalisten Armin Himmelrath zufolge auf den hohen Zeitdruck zurückführen, unter dem Redaktionen heute arbeiten. Sachverhalte müssen dort immer schneller erfasst und vermittelt werden, was zu einem Verlust an Tiefe und Expertise führt. Das Einbinden externer Personen, von denen man annimmt, dass sie sich gut auskennen, ist oft der Versuch, diesen Mangel wieder wettzumachen.

Harald Martenstein, weithin bekannter Kolumnist und Autor, weist in diesem Zusammenhang auf die Gefahr von Trugschlüssen hin, zu denen das Internet verleitet. Wer dort einmal als Urheber einer bestimmten Leistung erscheint, etwa eines Fachaufsatzes, taucht oft noch Jahre später in entsprechenden Suchanfragen auf und wird (häufig zu Unrecht) für einen Profi auf dem Gebiet gehalten. "Expertentum" kann so unabhängig von tatsächlich vorhandener Kompetenz entstehen.

Lobbys und Politik in trauter Verfilzung

Viele Experten liefern dennoch wertvolle Informationen und Analysen. Das betrifft vor allem den politischen Bereich, in dem Techniker, Informatiker, Juristen, Finanz- und Wirtschaftswissenschaftler oder Unternehmer wichtigen Input für Entscheidungsprozesse geben. Allerdings vertreten sie als Lobbyisten auch massiv die Interessen ihrer Auftraggeber. Der Soziologe Franz Walter macht dieses Geflecht aus Macht, Marketing und Abhängigkeiten für die Politikverdrossenheit vieler Bürger mit verantwortlich.

Weitgehend offen bleibt, wie man als "normaler" Mensch mit Expertenmeinungen umgehen soll. Dies umso mehr, da man für Entscheidungen verantwortlich gemacht wird, die man aufgrund möglicherweise falscher Einschätzungen von Fachleuten getroffen hat. Walter Reese-Schäfer, Journalist und Professor für politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Göttingen, plädiert dafür, als "Experten in eigener Sache" wieder mehr über die eigene Lebensführung zu bestimmen. Allerdings erscheint das in einer komplexer und schneller werdenden Welt schwierig.

Alles in allem gelingt es den Autoren und Herausgebern, einen einführenden, gut verständlichen und manchmal augenzwinkernden Überblick über den heutigen Expertenmarkt zu geben. Das Buch eignet sich besonders für den thematischen Einstieg. Wer zwischen den Zeilen liest, findet Hinweise, wie er selbst zum "Experten" aufsteigen kann.

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