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Vom Schwarzen Meer aus um die Welt

*haewis – *kaulós – *kéres – *seh – *melh – *h,meh: Das sind sechs erschlossene Wörter der proto-indoeuropäischen (oder proto-indogermanischen) Sprache. Obwohl diese Begriffe tausende Jahre alt sind, ist es nicht sonderlich schwer zu erraten, in welche deutschen sie sich schließlich verwandelt haben: Hafer – Kohl – Hirse – säen – mahlen – mähen.

Die Sprachen, die zur weitverzweigten indoeuropäischen Familie gehören, haben sich über sämtliche Kontinente verbreitet. Mittlerweile sprechen zwei Drittel der Weltbevölkerung eine indoeuropäische Sprache, sei es Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Russisch oder Hindi; sei es Prasun, das in Afghanistan gesprochen wird, oder Veddah, das auf Sri Lanka in Gebrauch ist.

Von allen Sprachfamilien ist die indoeuropäische die am intensivsten und am längsten untersuchte. Mit ihrer Erforschung im frühen 19. Jahrhundert begann schließlich die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft überhaupt. Trotzdem war noch bis vor kurzem unklar, wo, wann und von wem das Indoeuropäische begründet worden ist. Inzwischen weiß man erheblich mehr, wie der Linguist und Historiker Harald Haarmann in diesem Buch detailliert aufzeigt.

Umtriebige Nomaden

Wo das Ursprungsgebiet der Indoeuropäer zu suchen ist, darüber wurden im Lauf der zurückliegenden Jahrzehnte viele Hypothesen diskutiert und verworfen. Zwei davon sind noch übrig. Der einen zufolge, die der britische Archäologe Colin Renfrew verficht, ist die indoeuropäische Ursprache in Anatolien entstanden, wo schon damals Ackerbau und Viehzucht betrieben wurden. Laut der anderen These, die auf die litauisch-amerikanische Prähistorikerin Marija Gimbutas zurückgeht, sind die Ur-Indoeuropäer Hirtennomaden gewesen, die aus dem riesigen südrussischen Steppen- und Waldsteppengebiet nördlich und nordöstlich des Schwarzen Meers und des Kaukasus kamen.

Haarmann zeigt zunächst, dass die Anatolien-Hypothese aufgrund etlicher linguistischer, archäologischer und genetischer Befunde nicht länger aufrechterhalten werden kann. Anschließend erläutert er, warum einzig Gimbutas' These stichhaltig sei, und unternimmt den Versuch, die Geschichte der Hirtennomaden zu rekonstruieren.

Laut dem Autor mussten sich die Jäger und Sammler im Steppengürtel Südosteuropas während des 7. und 6. vorchristlichen Jahrtausends notgedrungen auf Nomadentum umstellten. Denn die Böden, die ohnehin kaum für Ackerbau und Viehzucht taugten, trockneten aus und Wild wurde immer spärlicher. Zuerst seien die mittelsteinzeitlichen Wildbeuter dazu übergegangen, Wildschafe und Wildziegen in Herden zu halten. Bald darauf hätten sie entdeckt, dass Wildpferde, auf die sie Jagd machten, immer dorthin ziehen, wo das beste Gras wächst und die ergiebigsten Wasserquellen zu finden sind. Zudem hätten die Menschen erkannt, dass die Pferde den oberen Teil des Grases bevorzugen und den Rest den Schafen und Ziegen überlassen. So entstand mit der Zeit ein enges Beziehungsgeflecht zwischen Pferden, Schafen, Ziegen und Menschen, und die proto-indoeuropäische Nomadengesellschaft war geboren. Über sie lässt sich dem Linguisten zufolge erstaunlich viel aussagen.

Sprech-, Kriegs- und Arbeitsleute

Haarmann postuliert, die Proto-Indoeuropäer seien – wie alle Nomadengesellschaften – von Anfang an streng hierarchisch organisiert gewesen. Nach der Domestikation des Pferdes habe sich eine Gesellschaftsordnung mit drei Klassen herausgebildet: Priester, berittene Krieger, Hirten/Ackerbauern (das ähnelt nicht zufällig der mittelalterlichen Drei-Stände-Ordnung mit oratores, bellatores und laboratores). Es sei zu vermuten, dass die Proto-Indoeuropäer Schamanen kannten, dass sie über ein patrilineares Verwandtschaftssystem des "Omaha-Typs" verfügt hätten und dass bei ihnen der Brautkauf üblich gewesen sei.

Zu Beginn des 5. Jahrtausends v. Chr., mutmaßt Haarmann, trafen die Proto-Indoeuropäer wahrscheinlich auf Ackerbauern und übernahmen von diesen etliche technische Innovationen. Ab der Mitte jenes Jahrtausends hätten sie sich in mehreren Wellen über Asien und Europa verbreitet – und ihre Nachfahren allerorten Kulturen und Reiche begründet.

Der Autor legt dar, warum die Vorfahren der Indoeuropäer ein Reitervolk gewesen sein müssen und allein deswegen nicht aus Anatolien stammen könnten: Das Pferd, schreibt er, sei erst Jahrtausende nach dem Ende der letzten Eiszeit dorthin gelangt. Weiterhin beschäftigt er sich mit den Göttern, Mythen und Ritualen der Nomaden, ebenso mit dem Lautsystem, der Grammatik und der Lexik des Proto-Indoeuropäischen und seiner Tochtersprachen. Haarmann schließt mit einem Überblick über die Geschichte indoeuropäischer Schriftsysteme.

Einiges von dem, was der Linguist schreibt, kann man schon in seinen früheren Publikationen finden. Trotzdem ist das Buch ist ein hochrespektables Werk, das sich auf eine ungeheure Fülle teils entlegener Literatur stützt – darunter die umfangreiche, häufig nicht übersetzte slawische, baltische und finnische Literatur über die Steppennomaden.

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