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Total echt, aber falsch

Ein erhellendes Buch darüber, woran der Drang nach dem Authentischen scheitert.

Dieses Buch ist intelligent, unterhaltsam und aufschlussreich zugleich. Keine dieser Eigenschaften bedarf der anderen; umso schöner, dass sie hier zusammentreffen. Der Autor kommt in seinem 140-Seiten-Essay ohne Umschweife zum Punkt, der da lautet: Die gegenwärtige Sehnsucht nach dem Authentischen führt in die Irre. Sie lebt von der Idee, es gebe einen wahren inneren Wesenskern, eine Essenz des Menschen, die wir erkennen könnten, ja müssten. Dabei ist Authentizität nicht mehr als eine gefühlte Übereinstimmung zwischen Beobachtung und Erwartung.

So mag man meinen, ein authentisches italienisches Restaurant zeichne sich durch ein reiches Angebot von Pizzen aus. Allerdings ist die Pizza eine neapolitanische Erfindung und in der übrigen italienischen Küche quasi unbekannt. Allein die gegenteilige Annahme lässt uns jeden Italiener, der keine Pizza backt, für unauthentisch halten. Was echt ist, wissen wir oft gar nicht, nur unsere eigene Erwartung, oftmals das Klischee, bestimmt darüber.

Weil das so ist, kann der Drang nach Authentizität, der ursprünglich von gesellschaftlichen Konventionen befreien sollte, Unfreiheit produzieren. Wer den Erwartungen an authentische Politiker, Promis oder Privatleute nicht entspricht, hat schlechte Karten. Daher ist die Inszenierung von Authentizität, die »gefakte Echtheit«, zum Standard geworden, erklärt Erik Schilling. Nicht erst seit Donald Trump ist sie der dominierende Gestus im Politik- und Medienbetrieb.

Schilling lehrt Germanistik und Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Daher verwundert es nicht, dass er viele Beispiele aus Romanen und Filmen zitiert. Er tut dies auf angenehm unakademische Art. So fragt er an einer Stelle, ob J. K. Rowling ihr Zaubererepos »Harry Potter« oder Theodor Fontane seine »Effi Briest« überhaupt authentisch haben schreiben können, ohne je »selbst auf einem Besen oder Baron Instetten geritten zu sein«.

Im zweiten (dem abstraktesten) Kapitel im Buch versucht sich der Autor an einer Begriffsbestimmung und unterscheidet verschiedene Varianten des Authentizitätsanspruchs. Neben einer an objektivierbaren Kriterien zu prüfenden Echtheit zum Beispiel eines Gemäldes sind dies drei Arten subjektiver Zuschreibungen: Treue gegenüber dem eigenen Wesen, gegenüber der gelebten Erfahrung sowie gegenüber dem wahrhaftigen Sprechen.

Die Schattenseite der Sehnsucht

Von überschießendem Authentizitätsdrang zeuge heute etwa das Argument, es dürfe sich zu Erziehungsfragen nur äußern, wer selbst Kinder habe, oder bloß solche Schauspieler sollten Schwule oder Transgender in Filmen darstellen, die selbst entsprechend orientiert sind. Fatal daran findet Schilling, dass gerade das Nichtbetroffensein und das Darstellen statt Sein erhellende Perspektiven eröffne. So resümiert er: »Die Sehnsucht nach Authentizität verhindert Pluralität, kritische Distanz, reflektierende Komplexität.«

Dass ein Selfie des indonesischen Schopfmakaken Naruto auf dem Buchcover zu sehen ist, hat einen tieferen Grund: Tierrechtsaktivisten klagten stellvertretend für den Primaten sein Urheberrecht an diesem authentischen Selbstporträt ein, was von höchst richterlicher Stelle abgewiesen wurde. Allerdings mit dem Hinweis, man müsse die Selbstbestimmung des Tiers erst gesetzlich verankern. Damit machten sich für Schilling nicht nur die Aktivisten »zum Affen«.

Drei übersehene Tugenden

Dem Authentischen, jener »Wellness-Oase unseres Alltags«, setzt der Autor drei vernachlässigte Tugenden entgegen: Professionalität, Situationsgebundenheit und Sinn für Mehrdeutigkeit. Sich im jeweiligen Kontext angepasst zu verhalten – im Business-Meeting anders als am Abendbrottisch –, sei wichtig und kein Mangel. Wir sollten von öffentlichen Personen ebenso professionelle Flexibilität verlangen und Widersprüchlichkeit tolerieren, statt auf vermeintliche Echtheit zu pochen.

Worauf Schilling leider kaum eingeht, ist die Frage, weshalb es uns heute so sehr nach dem Authentischen und Echten dürstet. Er glaubt zwar, dies sei »eine Reaktion auf die zunehmende gesellschaftliche Komplexität, bedingt durch Globalisierung, Digitalisierung und die scheinbare Beliebigkeit der Postmoderne«. Doch wenn dem so ist, genügt ein gut gemeinter Aufruf zu mehr Pluralität wahrscheinlich nicht. Man muss das Problem an der Wurzel packen, nämlich an der Illusion vom einfachen, ehrlichen, authentischen Leben. Vielleicht, bleibt am Ende zu hoffen, im nächsten Essay.

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