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»Beirut«: Porträt einer geschundenen Stadt

Meret Michel zeichnet ein berührendes Porträt der Stadt Beirut und ihrer ethnisch, politisch, konfessionell und sozioökonomisch enorm diversen Bevölkerung.

Einst war Beirut Drehscheibe des Handels zwischen Europa und Vorderasien, heute erscheint die Hauptstadt des Libanon endlos gebeutelt von Korruption, Krieg und Katastrophen. Der Untertitel des Bandes, »Splitter einer Weltstadt«, beschreibt nicht nur die Zerstörungen, welche die letzten Jahre und Jahrzehnte in Beirut angerichtet haben, sondern verweist auch auf die Struktur des Buchs selbst, das ganz unterschiedliche Personen, Stadtviertel und Sichtweisen vorstellt.

Denn Beirut ist eine Stadt mit vielen Gesichtern und vielen Schicksalen, ist ethnisch, politisch, konfessionell und sozioökonomisch enorm divers. Gewachsen im Spannungsfeld kolonialer Begehrlichkeiten im 19. Jahrhundert, war und ist sie spätestens seit dem Beginn des Bürgerkriegs 1975 immer wieder Schauplatz von Gewalt und Zerstörungen. In jüngeren Jahren berichteten die internationalen Medien vor allem über die verheerende Explosion im Hafen von Beirut (2020) sowie die Angriffe der israelischen Armee auf die südlichen Stadtviertel in ihrem Kampf gegen die schiitische Miliz Hisbollah.

Mit der ganzen Welt verflochten

Die schweizerische Journalistin Meret Michel, die selbst in Beirut lebt, zeichnet mit diesem Werk ein einfühlsames, berührendes Porträt der Stadt und ihrer Bewohner. Über die meisten ihrer Protagonisten hatte Michel schon in früheren Jahren als Reporterin berichtet und kehrte 2025 zu ihnen zurück, quasi für eine Bestandsaufnahme. Für die Autorin selbst war dies auch eine Rückkehr, denn sie hatte Beirut 2024 wegen der israelischen Luftangriffe verlassen. Die Hintergründe und Lebenssituationen der Menschen, von denen Michel schreibt, unterscheiden sich teilweise drastisch voneinander. Und doch zeichnet sich im Verlaufe der Lektüre immer mehr ab, dass die verschiedenen Geschichten letztlich doch Teile eines großen Puzzles sind, das sich langsam zusammenfügt. Das Bild, das dabei entsteht, ist das einer geschundenen Stadt.

So erzählt Michel unter anderem die Geschichte von Dolly Hajj, die immer noch in derselben Wohnung wohnt, die bei der Explosion 2020 teilweise zerstört wurde; von Bassam al-Sheikh Hussein, der 2022 eine Bank überfiel, um an sein eigenes Geld zu kommen; und von Monika Borgmann, deren Ehemann Lokman Slim als bekannter schiitischer Kritiker der Hisbollah 2021 ermordet wurde. Doch sie schreibt auch von Menschen, für die Beirut zum Zufluchtsort wurde; etwa von Mohammad, der als Sohn palästinensischer Geflüchteter dort geboren wurde, oder vom Ehepaar Osama und Sahar, die vor dem syrischen Bürgerkrieg hierhin flohen. Geschichten wie ihre zeigen, wie eng das Schicksal Beiruts nicht nur mit dem der Region, sondern mit dem der ganzen Welt verflochten ist.

Auch den Einfluss Frankreichs, der »gütigen Mutter«, und wie dieser bis heute andauert, schildert die Autorin. So ist das Buch einerseits eine Momentaufnahme von Beirut in der ersten Hälfte des Jahres 2025. Andererseits beschreibt Michel in jedem Kapitel die Lebenswege der Hauptpersonen ebenso wie die historischen Hintergründe, die sie und die Stadt dorthin geführt haben, wo sie jetzt sind. Alle, die ihr Wissen zum historischen und politischen Kontext erweitern möchten, können den Literaturhinweisen der Autorin folgen. Insgesamt liest sich das Buch wie eine Reportageserie, in der jedes Kapitel mit einer persönlichen Geschichte beginnt, die dann historisch und politisch angereichert und vertieft wird.

Am Ende bleibt das Bild einer komplizierten Stadt mit einer hochkomplexen Vergangenheit, einer teilweise tragischen Gegenwart und einer ungewissen Zukunft. Michels einfühlsame Darstellung der ganz verschiedenen Frauen und Männer und ihr spannender Schreibstil machen das Buch zu einer fesselnden Lektüre. Einer Lektüre, die im Gedächtnis bleibt.

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