»Beliebige Fracht«: Globalisierung zum Anfassen
Derweil andere während der Corona-Lockdowns Sauerteigbrot backen, recherchiert der Historiker Ian Kumekawa die Geschichte eines Schiffs. Den Anstoß dazu gibt seine spätere Frau, damals Pflichtverteidigerin in New York. Einer ihrer Mandanten sitzt auf dem städtischen Gefängnisschiff im East River ein – einem Ort, an dem sich das Coronavirus rasch ausbreitet. Kumekawa beginnt nachzuforschen, spricht mit Menschen auf verschiedenen Kontinenten und durchforstet Archive. Die Pandemie habe Milliarden Menschen »zusammen getrennt« zurückgelassen, schreibt er. Gerade diese Erfahrung habe seinen Blick auf die oft verborgenen Verbindungen in einer globalisierten Welt geschärft.
Das Ergebnis ist ein ungewöhnliches Buch. Kumekawa erzählt weder Schifffahrts- noch Wirtschaftsgeschichte im herkömmlichen Sinn. Stattdessen verfolgt er die »Biografie« eines unscheinbaren Pontons, der im Laufe von vier Jahrzehnten immer wieder neue Aufgaben übernimmt: Er dient als Unterkunft für Offshore-Arbeiter, als Kaserne während des Falklandkriegs, als Gefängnis in Großbritannien und den USA und schließlich als Wohnschiff vor der Küste Nigerias. An jeder Station spiegelt sich ein anderer Abschnitt der jüngeren Wirtschafts- und Zeitgeschichte.
Ein Schiff als Sinnbild der Globalisierung
Der Clou seiner Geschichte besteht darin, dass das Schiff an sich kaum etwas bedeutet. Es ist lediglich eine Hülle, deren Funktion sich mit jeder neuen Nutzung verändert. »So gesehen war die Leere geradezu sein bestimmendes Merkmal«, formuliert Kumekawa. Erst das, womit das Schiff jeweils gefüllt wird – Arbeiter, Soldaten oder Gefangene –, macht es zu einem Zeugnis wirtschaftlicher und politischer Entwicklungen.
Aus dieser Idee entwickelt der Historiker eine ebenso materialreiche wie weitgespannte Erzählung. Er verbindet die Geschichte des Schiffs mit dem Niedergang der europäischen Werftindustrie, dem Boom der Offshore-Ölwirtschaft, der Privatisierung staatlicher Aufgaben oder dem Ausbau des Strafvollzugs. Globalisierung erscheint dabei nicht als abstraktes Geflecht aus Handelsströmen und Finanzmärkten, sondern als etwas, das sich an einem konkreten Gegenstand nachvollziehen lässt.
Gerade diese Perspektive macht das Buch lesenswert. Gleichzeitig verlangt sie Aufmerksamkeit. Kumekawa verliert sich immer wieder in wirtschaftshistorischen, juristischen oder politischen Exkursen, die den Erzählfluss zeitweise bremsen. Die Stärke seines Buchs liegt also weniger in einer stringenten Dramaturgie als vielmehr in der Fähigkeit des Autors, weit auseinanderliegende Entwicklungen miteinander zu verknüpfen.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Globalisierung nicht nur in Statistiken oder Handelsabkommen sichtbar wird, sondern ganz konkret in Gegenständen, Geschehnissen und Schicksalen. Kumekawa bringt diese Einsicht so auf den Punkt: »Dieses Buch ermöglicht es, anhand eines einzigen Schiffs nachzuvollziehen, dass sich große globale Veränderungen immer in Dingen manifestieren, die man anfassen kann.«
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