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Gehirn in Bewegung

Warum sich Joggen, Spazierengehen und Radfahren positiv auf unser Denken und Fühlen auswirken.

Nach der Arbeit noch laufen gehen, oder lieber direkt auf die Couch? Gammelwochenende oder Radtour? Manuela Macedonia muss da nicht lange überlegen. Sie ist Neurowissenschaftlerin an der Universität Linz, macht fast täglich Sport und ausschließlich Aktivurlaube.

Doch das war nicht immer so. Vor einigen Jahren, als sie am Max-Planck-Institut für Neurowissenschaften in Leipzig arbeitete, wurde sie wachgerüttelt. Zehn, zwölf Stunden am Tag saß sie im Büro, war überlastet, gestresst und schlief schlecht. Eines Nachmittags entdeckte sie einen Forschungsartikel, der genau die fehlenden Informationen lieferte, die sie für ihre eigene Publikation benötigte. Euphorisch markierte sie die Stellen und kritzelte Notizen an den Rand, bis sie merkte, dass der gleiche Artikel mit ähnlichen Notizen versehen schon auf ihrem Schreibtisch lag. Ihr Gedächtnis hatte sie im Stich gelassen! An jenem Tag traf Manuela Macedonia die Entscheidung, ihr Gehirn besser zu behandeln – mit Bewegung.

In sieben Kapiteln präsentiert die Autorin aktuelle Forschungsergebnisse über die positiven Auswirkungen von Bewegung auf unser Gehirn. Sie beginnt mit den Grundlagen und dem Aufbau unseres Gehirns. Demnach hat der Hippocampus, der tief im Gehirn liegt, eine entscheidende Bedeutung für das Kurzzeit- sowie das räumliche Gedächtnis. Außerdem ist er zur Neurogenese fähig, also zur Bildung neuer Nervenzellen. Allerdings schrumpft diese wichtige Hirnregion ab dem zwanzigsten Lebensjahr um ein bis zwei Prozent jährlich. Auch andere Gehirnmasse schwindet; unser Gehirn altert wie der Rest unseres Körpers.

Motivationsschub für Bewegungsmuffel

Die gute Nachricht ist, dass moderate Bewegung dabei hilft, den Hippocampus fit zu halten. In Experimenten mit Mäusen wurde bei jenen, die Sport treiben durften, die Neurogenese angekurbelt. In anderen Studien verglichen Hirnforscher den Hippocampus von sportlichen und unsportlichen Kindern. Fazit: Bei aktiven Heranwachsenden ist der Hippocampus größer und leistungsfähiger. Und diese Kinder bringen im Schnitt auch die besseren Leistungen in der Schule.

Zudem berichtet die Autorin, wie Sport Menschen mit einer Depression sowie Jugendlichen mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne helfen kann. Sie stellt auch Studien vor, die zeigen, dass das Gehirn älterer Menschen schon von Spazierengehen profitiert.

Sport lässt nicht nur neue Neuronen sprießen, sondern regt viele nützliche Prozesse an. So bilden sich neue Blutgefäße und Synapsen, die Kontaktstellen von Nervenzellen. Und je fitter ein Mensch körperlich ist, desto größere Mengen der Aminosäure N-Acetylaspartat weist das Gehirn auf. Das Molekül bewirkt unter anderem, dass die Hirnrinde langsamer schrumpft; eine geringe Konzentration scheint dagegen mit Alzheimer, Multipler Sklerose oder Schizophrenie in Zusammenhang zu stehen.

Darüber hinaus beflügelt Bewegung auch die Kreativität. Beim Spazierengehen, Wandern oder Joggen kommen einem häufig die besten Ideen. Man entlastet dabei nämlich oft jene Hirnregionen, die Multitasking betreiben. Stattdessen ist das so genannte Ruhezustandsnetzwerk aktiv. Anders als der Name andeutet, ist es aber keineswegs untätig, es tauscht emsig Informationen zwischen verschiedenen Bereichen der Hirnrinde aus. Die Idee, das Buch zu schreiben, kam Macedonia etwa beim Radfahren.

Die Autorin scheut nicht davor, Fachwörter zu benutzen und diese (genau wie zahlreiche wissenschaftliche Methoden) leicht verständlich zu erklären. Ihr Buch liest sich dennoch keineswegs trocken, denn sie wechselt zwischen wissenschaftlichen Erläuterungen und Anekdoten aus ihrem eigenen Leben ab. Auch durch die zahlreichen niedlichen Zeichnungen und gelb markierten Stichwörter wirkt es schon auf den ersten Blick ansprechend.

Schade, dass Macedonias Ausführungen beim Thema Ernährung etwas einseitig und unwissenschaftlich daherkommen. Sie spricht etwa von »Ernährungsgurus«, die Zucker, Weißbrot und tierische Fette verdammten, aber nicht davon, dass (und wie) sich gesundes Essen positiv auf das Gehirn auswirken kann.

Der spannende und anschaulich erzählte Inhalt entschädigt für diesen Abstrich. Das Buch ist allen zu empfehlen, die einen Motivationsschub brauchen, um ihren inneren Schweinehund zu überwinden, und neugierig auf die Vorgänge sind, die durch Bewegung im Gehirn in Gang gesetzt werden.

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