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Reise ins Blaue

Von Lapislazuli, Kornblumen und Blaufußtölpeln: Die Farbe Blau hat einen besonderen Reiz.

Blau ist zunächst einmal eine Farbe – nämlich jene, die wir empfinden, wenn Licht mit einer Wellenlänge von zirka 430 Nanometer in unsere Augen fällt. Blau ist in der belebten Natur aber vor allem eines, nämlich selten. Schon immer übte es deshalb eine große Faszination auf Menschen aus. Kai Kupferschmidt, Molekularmediziner, Journalist und Buchautor, nimmt uns in seinem neuen Werk buchstäblich auf eine Reise ins Blaue mit. Darin beleuchtet er den kulturellen, gesellschaftlichen und naturwissenschaftlichen Hintergrund der betörenden Farbe. Er erzählt, welche Rolle sie in der Malerei, der Tier- und Pflanzenwelt spielt(e) und klärt über die biologischen, genetischen und physikalischen Grundlagen ihres sinnlichen Eindrucks auf. Dabei kommt Kupferschmidt immer wieder auf die zentrale Frage zurück: Was ist eigentlich Blau? Und gibt diverse Antworten darauf. Der Autor begibt sich hierfür auf eine fiktive Reise kreuz und quer um den Globus. Die USA, Japan und Großbritannien sind nur einige seiner Stationen.

Teurer Stoff von weit her

Schon vor zehntausenden Jahren begann der Mensch damit, Pigmente aus eisenhaltigen Mineralien zu mischen. Material für die Farbe Blau entdeckte er in den Bergen des Hindukusch: Lapislazuli-Pigmente wurden schon vor 7000 Jahren zu Schmuck verarbeitet. Die blaue, wenn auch etwas matte Farbe erhält der Stein durch Schwefelatome im Lasurit. Auch die Ägypter waren sich seines Werts bewusst und verwendeten ihn beispielsweise für die Totenmaske des Pharaos Tutanchamun. Sie gehörten zu den Ersten, die die Farbe Blau herstellten anhand einer Mischung aus weißen Kieseln, Sandstein, Kupfererz und Soda. Daraus entstand das so genannte Ägyptischblau. Im Mittelalter gelang es schließlich, Lapislazuli zu leuchtenden Farben zu verwandeln. Da der Stein noch immer aus dem Hindukusch importiert werden musste, bekam der Farbstoff den Namen Ultramarin, was so viel heißt wie »übers Meer«. Die schwierige Beschaffung und komplizierte Aufbereitung machten Lapislazuli teurer als Gold.

Aber warum nehmen wir die Farbe Blau eigentlich als blau wahr? An der Oregon State University in Corvallis, Oregon, ließ sich Kupferschmidt die physikalischen, chemischen und biologischen Grundlagen des Sehens und die Funktion des menschlichen Auges erklären. Viele Säugetiere prägen in ihrer Netzhaut zwei Zapfentypen aus, einen für kurzwelliges Licht, das »Blausehen«, und einen für langwelliges Licht, mit dem Farben wie Grün oder Gelb wahrgenommen werden. Doch Primaten, also auch der Mensch, verfügen noch über einen dritten Zapfentyp. Er erlaubt ihnen, langwelliges Licht noch einmal zu untergliedern in die Farben Rot und Grün. Damit wird die Wahrnehmung von Gelb-, Rot- und Grüntönen möglich, was den Reifegrad von Früchten bestimmen hilft – einst ein wichtiger evolutionärer Vorteil für unsere baumbewohnenden Vorfahren.

In Japan traf Kupferschmidt auf den Forscher Yoshikazu Tanaka, der seit Jahrzehnten für den Getränkekonzern Suntory, in den 1980er Jahren in den Schnittblumenmarkt eingestiegen, blaue Rosen zu entwickeln versucht. 2004 gelang es ihm fast, allerdings war seine Rose lediglich schwach bläulich. Nun geht die Suche weiter. Tanaka arbeitet unter anderem daran, das Gen zu finden, welches Petunien den Farbstoff Delphinidin herstellen lässt, so dass ein blauvioletter Blütenfarbstoff entsteht. Zudem ist inzwischen bekannt, dass sich das Rot der Rose und das Blau der Kornblume auf das gleiche Molekül zurückführen lassen. Daher möchten Forscher die Genome blauer Pflanzen möglichst vollständig aufschlüsseln. Ziel ist es, Stoffwechselvorgänge in Pflanzen gezielt zu verändern, so dass sie die begehrten blauen Blüten ausbilden.

Kupferschmidt beleuchtet auch philosophische Überlegungen zur Farbwahrnehmung und zum Farbbewusstsein und nimmt seine Leser mit auf entsprechende Gedankenexperimente. Zudem untersucht er die kulturelle Prägung von Sprache und hinterfragt Wortbedeutungen. So hat »Blau« im Deutschen durchaus widersprüchliche Bedeutungen: Blau machen, Blaupause, ins Blaue hinein oder blauäugig sind nur einige Begriffe, welche diese Vielseitigkeit spiegeln. Der Autor macht deutlich, dass Sprache maßgeblich vom kulturellen Umfeld beeinflusst wird. So verfügt das südwestafrikanische ehemalige Hirtenvolk der Herero über zahlreiche Wörter, um Farben ihrer Rinder zu bezeichnen.

In Großbritannien schließlich recherchierte Kupferschmidt zu blauen Farben bei Vögeln, Fischen und Schmetterlingen. Deren Blautöne entstehen durch winzige geometrische Strukturen auf der Oberfläche, die Lichtstrahlen beugen, streuen oder brechen – wobei die Strukturen selbst farblos sind. In der Tierwelt fungiert die blaue Färbung meist als Warnfarbe oder bietet einen Selektionsvorteil, wenn sie etwa Partnertiere anlockt. Das Federkleid des Blauhähers und die Füße des Blaufußtölpels sind hier nur zwei Beispiele, die der Autor anführt.

Das Buch ist allen Lesern zu empfehlen, die sich intensiv mit der Farbe Blau in naturwissenschaftlichen und kulturellen Kontexten auseinandersetzen wollen. Kupferschmidts Ausführungen sind sowohl für naturwissenschaftlich als auch kultur- und kunsthistorisch sowie philosophisch Interessierte erhellend.

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Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 42/2019

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