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Humboldt und die Pflanzen

Wie Alexander von Humboldt die statische Taxonomie Carl von Linnés in Bewegung versetzte.

Am 14. September 2019 jährte sich der Geburtstag des Naturforschers Alexander von Humboldt zum 250. Mal. Zahlreiche Vorträge, Ausstellungen und Medienbeiträge haben aus diesem Anlass sein Leben und Werk gewürdigt. Der Literaturwissenschaftler Oliver Lubrich und der Botaniker Adrian Möhl schlagen mit diesem Werk in die gleiche Kerbe. Ihr Buch sucht sowohl inhaltlich als auch in der Gestaltung seinesgleichen: Es bietet, sehr aufwändig gestaltet, einen interdisziplinären Zugang zu Humboldts Art, die Welt zu sehen und zu erforschen, wobei es sich auf seine Beiträge zur Botanik fokussiert. Deutlich wird insbesondere Humboldts Talent, Dinge zueinander in Bezug zu bringen und die gewonnenen Erkenntnisse gut verständlich zu vermitteln.

Humboldt kam am 14. September 1769 in Potsdam zur Welt. Gemeinsam mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Wilhelm genoss er eine sorgfältige Erziehung im Sinne der Aufklärung. 1792 begann er eine erfolgreiche Karriere im Bergbau, die ihn unter anderem zu grundlegenden Erkenntnissen über die Pflanzenwelt in Höhlen führte. Nach dem Tod seiner Mutter entschied er sich dafür, mit dem geerbten Vermögen eine Forschungsreise anzutreten. 1799 brach er gemeinsam mit dem Botaniker Aimé Bonpland nach Lateinamerika auf.

Intensive Feldforschung

Die Autoren beschreiben den abenteuerlichen Verlauf, die Höhepunkte und Krisen der fünfjährigen Reise. Humboldts wissenschaftlicher Anspruch war umfassend und beschränkte sich nicht auf das Sammeln von Daten: »Auf das Zusammenwirken der Kräfte, den Einfluß der unbelebten Schöpfung auf die belebte Thiere- und Pflanzenwelt; auf diese Harmonie sollen stäts meine Augen gerichtet seyn.« Er und Bonpland betrieben intensive Feldforschung; sie beschrieben und zeichneten unzählige Pflanzen und Tiere auf künstlerisch hohem Niveau und ließen tausende Pflanzen nach Europa verschiffen. Neben botanischer und geografischer Forschung interessierte sich Humboldt auch für das Leben und die Sprachen der indigenen Völker und kritisierte Kolonialismus, ausbeuterischen Bergbau, Monokulturen und Umweltzerstörung.

Die Besteigung des Andenvulkans Chimborazo – damals eine Weltsensation – bescherte Humboldt neue Einsichten in das Phänomen der Vegetationszonen und Isothermen. Gemeinsam mit Bonpland entwickelte er pflanzengeografische Konzepte, verglich die Alpen- und Andenflora miteinander, erforschte die Abhängigkeit der Vegetation von der Umwelt und stellte Überlegungen zur »Geschichte der Pflanzen« an, die später für Charles Darwin sehr wertvoll waren. Humboldt interessierte zudem der pharmakologisch-wirtschaftliche Nutzen von Pflanzen, wie aus dem Buch hervorgeht. Er testete ihre Wirkung als Medikamente, Gifte oder Drogen und unterzog sich dabei gefährlicher Selbstversuche. Seine Arbeit war durchweg empirisch und interdisziplinär angelegt; er reiste, beobachtete, sammelte, maß und zeichnete – vor allem Pflanzen und Tiere, aber auch Karten von Gewässern, Gebirgen, Ländern und Inseln.

1804 nach Europa zurückgekehrt, begann Humboldt die Ergebnisse seiner Sammlungen und Aufzeichnungen auszuwerten und zu publizieren. Allein an Büchern erschienen 29 Bände mit 1240 Abbildungen, wie Lubrich und Möhl darlegen. Als Forscher, der zugleich Schriftsteller und Künstler war, gelangte Humboldt zu weit reichenden Erkenntnissen über die natürliche Umwelt und stellte dabei fest, dass der Mensch die Natur großräumig und langfristig auch zu deren Nachteil verändert. Auf Einladung des Zaren reiste er 1829 nach Russland und durch Sibirien bis zur chinesischen Grenze, wobei er sich neben Botanik besonders auch für die Geologie der Gebirgsketten und Vulkane sowie für die Klimatologie des asiatischen Kontinents interessierte. Nach seiner Rückkehr begann er seine Arbeit am fünfbändigen »Kosmos – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung«. Aus einer ursprünglich öffentlichen Vorlesungsreihe entstand ein Werk, das versuchte, »die ganze Welt in einem Buch darzustellen, auf dem naturwissenschaftlichen Stand seiner Zeit und in literarisch eleganter Form«. Den letzten Band beendete er zwei Wochen vor seinem Tod am 6. Mai 1859, in seinem 90. Lebensjahr.

Humboldt gewann und vermittelte ein neues Verständnis der Natur, vor allem der Botanik. Er setzte die statische Taxonomie nach Carl von Linné »in Bewegung«, indem er die Lebensbedingungen der Pflanzen in ihren Zusammenhängen erforschte und dabei, seiner Zeit weit voraus, eine Ökologie entwickelte, die die Basis moderner Pflanzenwissenschaft bildet – von Nutzpflanzenkunde über Artensterben, Biodiversität bis zur Bedeutung des Klimawandels. Seine interdisziplinären Forschungen führten zu neuen Ufern und sicherten ihm wissenschaftsgeschichtlichen Weltruhm; Pflanzen, Tiere, Berge, eine Meeresströmung und sogar ein Gebiet auf dem Mond tragen seinen Namen.

Lubrich und Möhl ist es gelungen, das Leben und Werk des großen Naturforschers tiefgründig zu beleuchten und dabei faszinierende Einblicke in eine Wissenschaftsdisziplin zu bieten, die in ihrer Bedeutung nicht überschätzt werden kann. Das Buch bietet hochinteressante Lektüre und mit seinen zahlreichen Abbildungen ergiebiges Anschauungsmaterial. Zugleich ist es ein Nachschlagewerk, das jede wissensbasierte Büchersammlung bereichert.

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