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Die Geschichte hinter deutschen Bäumen

Die Biologin Caroline Ring erzählt in ihrem Buch die Geschichten zu 17 verschiedenen Baumarten in deutschen Städten.

Bücher über Bäume oder Wälder gibt es wie Sand am Meer. Die Bedeutung der Pflanzen ist inzwischen Allgemeingut: Für ihren Erhalt kämpft man in einem Park, weil sie einem Bahnhof weichen sollen oder auch, indem man sie »besetzt«, um gegen eine neue Grube für den Abbau von Braunkohle zu demonstrieren.

Nicht erst seit dem 2015 erschienenen Buch »Das geheime Leben der Bäume« des Försters Peter Wohlleben weiß man, dass Bäume untereinander oder mit anderen Pflanzen kommunizieren können. Doch das Werk löste einen regelrechten Hype aus, dem viele weitere Abhandlungen folgten. Man könnte fast davon ausgehen, dass es zu dem Thema keine wirklich neue Nische mehr gibt. Genau die hat aber die Evolutionsbiologin und Wissenschaftsjournalistin Caroline Ring mit »Botschafter des Lebens« gefunden. Es ist schon in der zweiten Auflage erschienen, was durchaus ein Qualitätsbeweis ist. Der Titel ist etwas unpräzise, der Untertitel »Was Bäume in Städten erzählen« trifft das Thema des Werks aber auf den Punkt.

17 Baumarten aus 18 Städten

Anders als viele andere Fachleute berichtet Ring nicht bloß über Aussehen und Lebensweise ihrer Forschungsobjekte, sondern schreibt von einzelnen, keineswegs seltenen Stadtbäumen, die jeder selbst bewundern kann. Dazu hat sie Aufsätze über 17 verschiedene Baumarten aus 18 Städten zwischen Rostock und Freiburg gesammelt, die allesamt eine faszinierende Geschichte haben. Nicht die Biologie, sondern die historische Überlieferung, die Wirtschafts- und Sozialgeschichte und auch die Dendrologie bestimmen das Thema der Kapitel, die sich unabhängig voneinander lesen lassen. Zu allen Bäumen gibt es vorweg eine von der Autorin erstellte schattenrissartige Zeichnung.

Ring hat jedes Exemplar persönlich aufgesucht und dazu den öffentlichen Nahverkehr genutzt. Somit kann man es ihr nachmachen und auf einfache Weise an die entsprechenden Orte reisen. Nach der Lektüre gibt es also keine Ausreden mehr für »plant blindness«, das wissenschaftlich bekannte Phänomen, wenn man Pflanzen seiner Umgebung, egal welche, überhaupt nicht wahrnimmt.

In dem Werk führt die Autorin meist unbekannte, aber ausnahmslos interessante Fakten zu den jeweiligen Exemplaren auf. Drei Beispiele: In Stuttgart kann man mehr Mammutbäume sehen als sonst irgendwo in Deutschland. Allein in der Wilhelma, dem Botanisch-Zoologischen Garten, stehen 35 davon. Sie stammen aus der Zeit von Wilhelm I., König von Württemberg, der sie 1864 pflanzen ließ. Denn im 19. Jahrhundert erwuchs in Europa mit der Kunde von diesen sagenhaften Baumriesen aus Amerika ein gewaltiges Interesse. Herüberbringen konnte man sie allerdings nicht, deshalb ließ man von einem über 1000 Jahre alten kalifornischen Exemplar die Rinde bis auf 35 Meter Höhe abnehmen, zerlegte sie und setze sie zur Weltausstellung 1857 in London wieder zusammen. Wilhelm I. bestellte ein Lot (zirka 15 Gramm) Samen und beging dabei einen (teuren) Irrtum. Im Englischen wurde aus einem Lot »a lot« (eine Menge) – und man schickte ihm etwa 10 000 Stück! Und so wurde überall gepflanzt, wodurch die heutigen Bäume mit einem geschätzten Alter von 150 Jahren entstanden.

In Münster steht in der Nähe des Doms einer der ältesten und größten Judasbäume Deutschlands. Der wenig schmeichelhafte Name stammt von der Legende, Judas habe seinen Herrn verraten, das bereut und sich an einem solchen Baum erhängt. Dieser schämte sich und blühte fortan rot. In anderen Ländern erzählt man unterschiedliche Geschichten der – außer am Mittelmeer – sehr seltenen Baumart, deren Blüten direkt aus der Rinde des Stamms kommen und durch ihre Form verraten, dass es sich um einen Schmetterlingsblütler wie Erbse oder Bohne handelt. Durch den Klimawandel passen Judasbäume heute wesentlich besser als vor 50 Jahren in unsere Umgebung, so dass man sie deutlich öfter antrifft.

Wer zu Zeiten des Kriegs in die Schule ging, wird sich an die Terrarien auf den Fensterbänken der Klassenzimmer erinnern, in denen die Raupen des Seidenspinners gehalten wurden. Deren Futter bis zur Verpuppung waren die Blätter des Weißen Maulbeerbaums. Damals brauchte man den Faden zur Herstellung von Fallschirmseide: Für fünf Pfund Seide mussten 20 000 Raupen vier Wochen lang 600 Kilogramm Laub fressen, ehe man die Puppen ernten konnte. Das Endprodukt ist ein sehr wertvoller Stoff. Schon Friedrich Wilhelm I., der »Soldatenkönig«, ließ 1717 zunächst 100 000 Bäume pflanzen. In der Nähe der Friedrichstraße in Berlin befindet sich eine mehr als 100 Jahre alte krumme »Weiße Maulbeere«. Schon zu DDR-Zeiten war der Baum als Naturdenkmal geschützt, nach der Wende hat man ihn zum Kulturdenkmal »degradiert«. Für welches kulturelle Erbe er da steht, weiß heute kaum noch jemand. Ausführlich erfährt man mit vielen erhellenden Details in diesem Kapitel fast die ganze Kultur- und Wirtschaftsgeschichte der Seidenproduktion in Preußen und dann in Deutschland.

Es ist bemerkenswert, was es an erstaunlichen Fakten über Pflanzen noch zu lernen gibt. Ring schildert alles sachlich, behutsam, fast liebevoll, verknüpft mit persönlichen Erinnerungen – anspruchsvoll, gut verständlich, aber nicht locker. Zum persönlichen Besuch gibt es für alle Bäume die Koordinaten in einem kurzen Anhang. Darin findet man zum Nachlesen und Weiterbilden auch ein Literaturverzeichnis.

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