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Feinde im eigenen Land

Harvard-Historiker David Armitage untersucht die Konfliktform des »bellum civile« – vom antiken Römischen Reich bis zum Syrien des 21. Jahrhunderts.

68,5 Millionen Flüchtlinge zählen die Vereinten Nationen derzeit auf der Welt. Viele von ihnen fliehen vor Kriegen, oft genug vor Bürgerkriegen wie in Afghanistan, Syrien oder im Jemen. Bürgerkriege stellen inzwischen die am weitesten verbreitete Form organisierter Konflikte dar. Die durch sie verursachten volkswirtschaftlichen Schäden belaufen sich jährlich auf mehr als 100 Milliarden Dollar.

Der Historiker David Armitage versucht in seinem Buch, solche Konflikte ideengeschichtlich zu charakterisieren. Er bemängelt, dass es inzwischen zwar viele Untersuchungen zu zwischenstaatlichen Konflikten gebe, Bürgerkriege jedoch in der Forschung lange vernachlässigt worden seien. Sie gälten noch heute als besonders schlecht verstanden, obwohl seit 1989 nur etwa fünf Prozent aller Konflikte zwischenstaatlicher Natur gewesen seien.

Schwierig zu unterscheidende Konfliktformen

Armitage spannt den Bogen von den römischen Bürgerkriegen des 1. Jahrhunderts v. Chr. bis in die Zeit des 21. Jahrhunderts. Zwar kannten auch die antiken Griechen bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen den Einwohnern ihrer Stadtstaaten. Doch der Autor argumentiert, es sei vor allem das seit Sulla (138–78 v. Chr.) entwickelte römische Konzept eines »bellum civile« gewesen, das in den nachfolgenden zwei Jahrtausenden von den Erben des Römischen Reichs übernommen worden sei, um es auf ähnliche Konflikte anzuwenden. Daher erscheint ihm der Fokus auf die ausgehende Römische Republik gerechtfertigt.

Es ist historisch wie gegenwärtig keineswegs einfach, den Bürgerkrieg von anderen Konfliktformen zu unterscheiden. Oft genug sind solche Auseinandersetzungen durch die Beteiligung auswärtiger Mächte internationalisiert. Armitage weist zudem auf den Deutungsspielraum hin, der sich in der rückblickenden Beurteilung ergibt: Tragen die Aufständischen eines Konflikts den Sieg davon, etabliert sich in der Geschichtsschreibung oft die Bezeichnung »Revolution«. Demzufolge erfüllen auch die Amerikanische Revolution von 1776 oder die Französische Revolution von 1789 ursprünglich die Kriterien von Bürgerkriegen. Werden die Aufstände seitens der Herrschenden niedergeschlagen, wertet man sie rückblickend oft als »Rebellion«.

Heutige Konflikte wiederum ordnet die internationale Staatenwelt oft deshalb als Bürgerkriege ein, um nicht selbst nicht in die Auseinandersetzungen verwickelt zu werden, da es sich ja um interne Angelegenheiten anderer Staaten handle. Wie die großen Flüchtlingsströme oder auch der vom Islamischen Staat geprägte internationale Terrorismus zeigen, greift diese Einschätzung aber zu kurz. Und weil die Bürgerkriegsdefinition als »bewaffneter Konflikt nicht internationalen Charakters« inzwischen Eingang in das internationale Recht gefunden hat – etwa in die Genfer Konvention –, können von der Zuschreibung oder Verweigerung des »Etiketts« Bürgerkrieg auch UNO-Hilfsgelder abhängen.

Vermeidbare Katastrophen

Armitage weist darauf hin, dass Bürgerkriege trotz all ihrer Grausamkeiten auch einen positiven Effekt in der Geschichte gehabt hätten. Denn sie waren eine stete Herausforderung, Abhilfe zu schaffen. Daher hätten sie gerade in der Neuzeit dazu angeregt, politisch-philosophische Konzepte zu entwickeln, die sich beispielsweise um Demokratie, Autorität, Revolution, Völkerrecht, Weltbürgertum oder Globalisierung drehen. Da Bürgerkriege sehr offensichtlich menschengemacht seien, seien sie nicht als unvermeidbar erschienen und hätten entsprechende Bemühungen zu ihrer Verhinderung angeregt.

Der Autor möchte keine umfassende Theorie des Bürgerkriegs vorlegen. Vielmehr zeichnet er die einschlägige Ideen- und Begriffsgeschichte über 2000 Jahre hinweg nach. Zwar lässt sich fragen, ob die von ihm postulierte ideengeschichtliche Verwurzelung in der römischen Antike nicht zu einseitig ist. Doch bietet Armitage einen umfassenden Überblick über das Phänomen des »bellum civile«. Dazu trägt auch seine Sicht auf den derzeitigen Zustand der westlichen Welt bei: Er konstatiert, dass sie seit 1945 trotz Kaltem Krieg weitestgehend in Frieden gelebt habe, doch angesichts der politisch-sozialen Spaltung mancher Länder drohten Gefahren. Den aktuellen gesellschaftspolitischen Zustand in den USA wertet er sogar als »Kalten Bürgerkrieg«.

Das Buch eignet sich für alle Interessierten, die das Phänomen Bürgerkrieg besser verstehen möchten. Historische und politikwissenschaftliche Vorkenntnisse sind empfehlenswert.

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