»Bullshit-Bingo Psychologie«: Ist Bauchgefühl ein Mythos und Rache immer süß?
»Rache ist süß!« – Tatsächlich? »Bullshit-Bingo Psychologie« befasst sich mit allgegenwärtigen Mythen der Seelenkunde. Oft klingen sie plausibel, doch Jochen Metzger und Jens Schröder gehen davon aus, dass sich sehr viele von ihnen bei näherer Betrachtung als »Bullshit« erweisen. Von allgemeinen Aussagen wie »Wir nutzen nur 10 Prozent unseres Gehirns« bis zu persönlichen Statements der Art »Mein Ex ist ein krasser Narzisst« – die Liste ist endlos. Ziel der Autoren ist es, Lesern dabei zu helfen, Aberglauben von Fakten zu unterscheiden.
Ihr Buch will ein Bullshit-Detektor für psychologische Alltagsweisheiten sein. Der Wahrheitsgehalt einer psychologischen Aussage wird in Form eines Bullshit-Faktors am Ende eines jeden Kapitels bewertet. Er gibt an, zu wie viel Prozent Aussagen keinen Bezug zu Fakten, Studienergebnissen oder Erfahrungen haben. Wie die Autoren betonen, ist dieser Bullshit-Faktor lediglich das Ergebnis einer Schätzung.
Wissenschaftlich gesehen, sicherlich eine etwas ungenaue Vorgehensweise. Und so stellt sich gleich beim ersten Kapitel die Frage, ob dem »Bauchgefühl« tatsächlich immer ein Bullshit-Faktor von 65 Prozent entspricht – etwa, wenn man einen Arzt mit langjähriger klinischer Erfahrung fragt. Denn seine Tätigkeit beruht nicht nur auf medizinischem Fachwissen, wie es in Lehrbüchern vermittelt wird. Er hat viele Patienten auch persönlich kennengelernt und daraus ein Bauchgefühl entwickelt, das ihm bei Diagnose und Therapie hilft.
Was verrät eine Handschrift?
Enthüllt Alkohol das wahre Ich? Das darf tatsächlich bezweifelt werden. Alkohol wirkt individuell unterschiedlich. Während er bei manchen Menschen nahezu keine Wirkung entfaltet, werden andere wahlweise fröhlich, depressiv oder rücksichtslos. Ist die Handschrift das Fenster zur Seele? Hier wird es schon komplizierter. Dass sie dies tatsächlich nicht immer ist, mag einerseits stimmen. Andererseits kann eine Handschrift aber durchaus wichtige Informationen enthalten, so die Autoren. Sie könne beispielsweise der Diagnostik verschiedener Erkrankungen dienen, wie es beim Morbus Parkinson oder der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) der Fall sei.
Können Erinnerungen trügerisch sein? Diese Aussage ist belegt – etwa bei Déjà-vu-Erlebnissen oder der Verdrängung von Erinnerungen als Schutzmechanismus. Unser Gedächtnis ist störanfällig. Stress, Depressionen und Demenz können das Erinnerungsvermögen verschlechtern. Autismus beeinflusst das Erinnerungsvermögen auf komplexe Art und Weise. Viele Betroffene haben ein hervorragendes Detailgedächtnis, haben aber oft Schwierigkeiten mit dem episodischen Erinnern und dem Verknüpfen von Informationen, um das »große Ganze« zu verstehen.
Dass Werbung uns nie beeinflusst, ist eher ein Mythos. Auch wenn wir dies glauben, werden wir unbewusst von Farben, Formen, Gerüchen oder Musik manipuliert. Werbung schafft Bedürfnisse, die zu Impulskäufen führen können. Sie weckt Neugier, schafft Bindungen und kann das Wohlbefinden steigern, aber auch Materialismus als Haltung befördern und besonders bei Kindern zu ungesundem Konsumverhalten beitragen.
Lügen, Pornosucht und positives Denken
Erkennt man Lügner an ihrer Körpersprache? Wir erfahren: Zu lügen und zu täuschen ist eine erlernte Fähigkeit, die sich nicht vor dem vierten Lebensjahr entwickelt. Und die Körpersprache kann Hinweise auf Lügen geben, aber es gibt kein einzelnes, eindeutiges Zeichen dafür, dass jemand lügt. Stattdessen sollte man auf Abweichungen vom normalen Verhalten achten wie veränderte Atmung, häufiges Berühren von Nase und Mund, unruhige Bewegungen, verengte Augen oder Lippenpressen.
Machen Pornos süchtig? Nein, schreiben die Autoren, dies stimme zumeist nicht: Bullshit-Faktor 90 Prozent. Sicherlich gebe es einige Menschen, die süchtig nach Pornos sind. Aber die Meinung, dass die Pornosucht ein Massenphänomen ist, sei falsch. Diese Aussage zu beurteilen, ist recht schwierig. Es gibt in der Wissenschaft eine anhaltende Debatte darüber, ob der übermäßige Konsum von Pornografie als eine klassische »Sucht« oder eher als eine »Störung der Impulskontrolle« einzustufen ist. Studien zeigen, dass ein starker Pornokonsum das Belohnungssystem im Gehirn ähnlich stimulieren kann, wie es auch Drogen oder das Glücksspiel tun – weil große Mengen Dopamin ausgeschüttet werden. Dies kann zu einer Gewöhnung führen.
Macht positives Denken glücklich? Ja, positives Denken kann tatsächlich glücklicher machen, indem es Stress reduziert, die Gesundheit stärkt, das Selbstwertgefühl hebt und die Resilienz gegenüber Krisen erhöht. Aber es muss authentisch sein und darf negative Gefühle nicht unterdrücken: Erzwungener Optimismus kann das Gegenteil bewirken. Es geht darum, aus Herausforderungen zu lernen und das Gute im Alltag zu sehen, nicht darum, Probleme zu ignorieren.
Das Buch stellt viele relevante und spannende Fragen. Es ist unterhaltsam und in einem ausgezeichneten Stil geschrieben. Ob jedoch jede von den Autoren formulierte Einschätzung einer strengen wissenschaftlichen Prüfung standhält, ist fraglich. Das zu erreichen, ist aber auch nicht ihr Ziel. Sie wollen den Leser wohl eher zum Nachdenken darüber anregen, ob eine Alltagsweisheit, die ihm begegnet, einen Wahrheitsgehalt hat oder man bei ihr doch eher einen hohen Bullshit-Faktor annehmen muss.
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