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»Cannabis«: Joint statt Feierabendbier?

Der Mediziner Peter Cremer-Schaeffer informiert über Nutzen und Risiken der Legalisierung von Cannabis. Eine Rezension
Eine bunt beleuchtete Cannabis-Pflanze

Es scheint vollbracht: Der Bundestag hat die Legalisierung von Cannabis zu Genusszwecken beschlossen. Ob sich das allerdings mit EU-Recht vereinbaren lässt, ist noch nicht klar. Das Buch »Cannabis – was man weiß, was man wissen sollte« von Dr. Peter Cremer-Schaeffer informiert über die bisherige Rechtslage, Cannabis als Droge und Arzneimittel und vergleicht es mit anderen Drogen und der Lage in anderen Ländern. Die erste Auflage erschien 2017 und wurde 2022 aktualisiert. Der Autor ist Facharzt für Anästhesiologie und leitet seit 2009 die Bundesopiumstelle des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte.

Ob man Cannabis als Genussmittel legalisieren sollte, ist eine gesellschaftspolitische Entscheidung

Cremer-Schaeffer möchte Argumente für eine breite gesellschaftliche Diskussion liefern. Dabei ist es ihm wichtig, zwischen der Legalisierung von Cannabis als Arzneimittel und der als Genussmittel zu unterscheiden. Als Arzneimittel müsse Cannabis, wie andere Medikamente auch, geprüft und kontrolliert hergestellt sowie erstattungsfähig verschrieben werden können. Wirkungen und Nebenwirkungen müssten genau untersucht und bekannt sein. Mit dem Cannabis-Gesetz von 2017 sei dafür die Grundlage geschaffen worden. Um weitere Indikationsgebiete zu erschließen, müssten pharmakologische Studien erfolgen.

Ob man Cannabis als Genussmittel legalisieren sollte, sei hingegen eine gesellschaftspolitische Entscheidung, die man von der naturwissenschaftlichen Diskussion trennen sollte. Für viele gelte Cannabis als verbotene Substanz, eine »Einstiegsdroge« für härtere Rauschmittel. Andere hingegen fühlen sich in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt, wenn ihnen der Konsum von Genussmitteln ihrer Wahl verboten wird.

Um sich dazu eine Meinung bilden zu können, stellt Cremer-Schaeffer Wirkung und Folgen des Konsums von Cannabis und Heroin dar und vergleicht sie mit denen der gesellschaftlich akzeptierten Drogen Alkohol und Nikotin. Auch wenn Cannabis abhängig machen und schwere Nebenwirkungen wie Psychosen verursachen kann, kommt man nach diesem Kapitel wohl zu dem Schluss, dass Cannabis für den menschlichen Körper weniger gefährlich ist als Alkohol oder Nikotin. Man könnte sich geradezu animiert fühlen, das wohlig entspannte Gefühl nach einem Feierabendbier durch einen Joint zu ersetzen.

Interessant ist auch der Blick in andere Länder wie die Niederlande oder den US-Bundesstaat Colorado, in denen Cannabis als Genussmittel bereits seit längerer Zeit legal ist – oder zumindest nicht strafrechtlich verfolgt wird. Der Autor arbeitet dabei zwei wichtige Erkenntnisse heraus: Zum einen würden mit der Legalisierung von Cannabis Konsum und Zahl der Abhängigkeiten wohl ansteigen. Zum anderen gibt es aber beispielsweise in den Niederlanden trotz freier Verkäuflichkeit von Cannabis weniger Probleme mit harten Drogen und weniger Drogentote als in Deutschland.

Laut Cremer-Schaeffer sind die Ziele der Legalisierung eine Entkriminalisierung des Cannabiskonsums und die Trennung und Einschränkung des illegalen Markts. Man verspreche sich davon eine bessere Kontrolle über den Cannabiskonsum. Zudem führe eine legalisierte Herstellung zu qualitativ hochwertigeren und damit potenziell weniger gesundheitsschädlichen Produkten.

Während man über weite Strecken des Buchs den Eindruck gewinnt, dass der Autor der Cannabis-Legalisierung eher zugewandt oder zumindest neutral gegenübersteht, gibt er im letzten Absatz seines Buchs zu erkennen, dass er die Legalisierung eher kritisch sieht. Grund dafür ist der seiner Meinung nach mangelnde Schutz von Kindern und Jugendlichen. Er stellt zu Recht in Frage, wie unter 18-Jährige vor Cannabis-Missbrauch geschützt werden sollen, wenn es noch nicht einmal gelingt, weit jüngere Menschen am Komasaufen zu hindern. Das jugendliche Gehirn, das seine Entwicklung erst mit Anfang 20 abgeschlossen habe, sei besonders anfällig für bleibende Hirnschäden durch Cannabis.

Das Buch ist verständlich geschrieben und gut zu lesen. Es wird allerdings immer wieder deutlich, dass es bereits 2017 erschien und 2022 nur dürftig aktualisiert wurde. Die Argumentation des Autors hinkt den aktuellen Entwicklungen manchmal ein wenig hinterher. Die Lektüre lohnt sich trotzdem für alle, die sich bisher noch nicht mit der Legalisierung von Cannabis beschäftigt haben und sachliche Informationen zum Thema suchen.

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